82. Das ist doch deine Pflicht zu pflegen

Ich habe Kinder. Die werden sich im Alter um mich kümmern. Kennt ihr diese Sprüche. Ich wähle dieses Wort bewusst, denn für mich ist das nichts anderes. Ein hohler Spruch. Wieso um alles in der Welt ist ein Großteil der Menschheit aber genau dieser Ansicht? Kinder haben dir Pflicht, ihre Eltern im Alter zu pflegen. Was ist das? Woher kommt das?

Das liest du in diesem Beitrag

Gut. Ich sehe da ein gewisse gesellschaftlich-historisch gewachsene Basis für diese Aussage. Aber schaut euch doch mal in unserer Gesellschaft um? Ist das der Durchschnitt. Ist es nicht vielmehr so, dass die Alten die Alten pflegen. Also der Mann die Frau oder umgekehrt.

Andere Länder andere Sitten

Ich weiß noch, wie mein Vater, der gerne mit seinem rumänischen Freund in dessen Heimat gereist ist, davon erzählt, wie in Rumänien mehrere Generationen unter einem Dach leben und sich die Jungen um die Alten kümmern. Seine Erzählungen unterlegte er mit einem gewissen nostalgischen Grundton und das löste in mir als Kind etwas aus.

Heut mit einer gewissen Distanz und ein paar Jahre älter weiß ich, dass diese Form der Pflege nicht mehr in unsere Gesellschaft passt. Und bevor hier jetzt wütende Aufschreie ertönen. Ich sage nicht, dass ich das gut finde. Ich mag sie immer noch die Erzählungen meines Vaters und die Vorstellung von dieser generationenübergreifenden Lebensgestaltung. Aber müssen immer die eigenen Kinder dieses Modell erfüllen.

Kinderlose sind raus

Und umgekehrt: Bin ich als Kinderlose damit raus aus dem Spiel. Ich hoffe nicht. Und … ich sehe auch an vielen Stellen, dass es nicht so ist. Es sind nicht immer die eigenen Kinder, die die Pflege der Eltern übernehmen und deshalb muss diese Form der Pflege und Betreuung nicht schlechter sein als die innerfamiliäre.

Das sehe ich überdeutlich an meinem Papa. Nicht mit allen, aber mit einigen Pflegekräften in seinem Heim ist da etwas gewachsen. Ich sehe das auf beiden Seiten. Bei meinem Papa und bei den Pflegekräften. Eine sagte mir sogar neulich, dass sie mittlerweile auf eine Art und Weise mit meinem Papa verbunden ist, dass es ihr sozusagen ans Herz gewachsen ist. Wenn er seine letzte Reise antreten wird, dann wird es auch ihr möglicherweise schwer fallen, ihn gehen zu lassen. Ist das nicht ein wunderbares Zeichen dafür, dass emphatische, liebevolle und miteinander verbundene Betreuung und Pflege über die Familie hinaus ganz wunderbar funktionieren kann.

Hab ich als Kind die Pflicht zu pflegen oder nicht?

Aber zurück zum Thema Verpflichtung oder Pflicht zur Pflege der Eltern. Diese Pflicht gibt es nicht und wer es als Pflicht empfindet, der sollte eh die Finger davon lassen. Das würde niemandem guttun. Dem Pflegenden nicht und dem Pflegebedürftigen auch nicht.

Also was nun? Ersetz wir doch ganz einfach das Wort Pflicht mit Liebe und schon wird ein Schuh daraus – einer aus geschmeidigem Material. Ein Schuh, der nicht nur passt, sondern dem ganzen Fuß guttut, der einem ein Gefühl wie auf Wolken, ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Und genau das ist es, was Pflege gerade innerhalb der Familie ausmacht.

„Liebe. Alles was auf Liebe aufbaut, steht auf einem festen Fundament.“

Liebe gibt uns die Kraft

Hätte mich noch vor 10 Jahren jemand gefragt, ob ich mit Mitte Vierzig meinen Vater pflege, ihn auf die Toilette bringe, wasche und irgendwann auch mal die Windel wechsle. Ich hätte ihn oder sie mit großen Augen angeschaut. Ich hätte mir das niemals vorstellen können. Und dann kam der Tag, als es notwendig wurde genau das zu tun. Und ohne lange zu überlegen, tat ich es doch.

Mein Tun gründete aber nicht auf Pflichtbewusstsein. Ich machte es einfach. Es kam von innen und fühlte sich von einer Sekunde zur anderen einfach richtig an. Hätte irgendjemand zu mir gesagt. Das ist doch deine Pflicht. Ich wär ihm oder ihr mit Sicherheit ins Gesicht gesprungen.

Nein.

Es ist nicht meine Pflicht.

Es ist meine Liebe.

Sie gibt mir die Kraft und auch das Gefühl, das ich das kann. Ohne Aufforderung von außen, ohne zu überlegen, einfach von innen heraus.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.