85. Über Sehnsucht und Möglichkeiten

Heute findet sie zum 12 Mal statt, unsere Blogparade #demenzmoment. In diesem Monat soll sie unter dem Motto Sehnsucht stehen. Ein sehr schönes, tiefgreifendes Thema und doch frage ich mich mehr denn je, um wen soll es hier gehen? Um meinen Papa, um mich?

Die Sehnsüchte meines Papas kann ich nicht mehr erfahren, denn seine Sprache ist versiegt. Ich kann sie nur noch erahnen, kann versuchen, mich daran zu erinnern, was er einmal gesagt oder auf andere Art und Weise zum Ausdruck gebracht hat. Was ich hingegen sehr gut kann ist meine Sehnsüchte formulieren, wie sie von der Krankheit meines Vaters beeinflusst werden und wie sie mein Leben formen.

Die Sehnsucht ist es, die uns’re Seele nährt …

Die Sehnsucht ist es, die uns’re Seele nährt und nicht die Erfüllung. Und der Sinn uns’res Lebens ist der Weg und nicht das Ziel. Denn jede Antwort ist trügerisch, jede Erfüllung zerfließt uns unter den Händen, und das Ziel ist keines mehr, sobald es erreicht wurde. (Arthur Schnitzler)

Das ist ein sehr schönes Zitat von Arthur Schnitzler, wie ich finde, und es drück so viel aus. Er spricht von in die Zukunft gerichteten Sehnsüchten und Wünschen, wie sie jeder von uns hat. Meine Sehnsucht ist es zum Beispiel noch ortsunabhängiger zu Arbeiten. Mein Mann und ich, wir möchten mehr reisen. Durch meine Arbeit als Texterin und Schreib-Coach, wäre das heute schon möglich. Mein Mann ist als Betriebsleiter in einem Hallenbad noch sehr ortsgebunden. Tja, dann träumen wir halt noch eine Weile davon … irgendwann ist es soweit.

Blick zurück oder doch nach vorn

Doch mein Leben bestimmen auch viele rückwärtsgerichtete Sehnsüchte. Und da geht es mir so, wie bestimmt vielen Menschen, die einen an Alzheimer oder Demenz erkrankten, nahestehenden Menschen in der Familie haben. Ich wünsche mir oft, Papa wäre wieder gesund und wie könnten wie früher gemeinsam reisen, wandern oder einfach nur zusammensitzen in der Küche meiner Eltern oder so wie gerade jetzt im Sommer auf dem Balkon und über die Gott und die Welt quatschen. Diese Sehnsucht ist manchmal so stark, dass sie mir fast die Kehle zuschnürt.

Doch das möchte ich nicht zulassen. Nein. Ich versuche den Blick zu drehen, nicht nach hinten blicken, sondern nach vorn. Auch wenn mein Vater krank ist, haben wir aus dieser Sehnsucht heraus doch so viele Möglichkeiten neue schöne Momente zu kreieren. Heute sitzen wir auf der Terrasse meines Vaters – okay im Heim, aber auch dort erleben wir viele schöne Momente, wie du in meinen Terrassengeschichten (LINK) lesen kannst. Und jetzt freue ich mich auf jeden Sommer, der uns noch geschenkt wird.

Sehnsucht nach Möglichkeiten

Und damit sind wir bei einem weiteren Zitat, dass mir sehr gefällt:

Unsere Sehnsüchte sind unsere Möglichkeiten. (Robert Browning)

Diese Zitat zeigt so schön, dass es auf uns ankommt, ob wir es zulassen, dass unsere Sehnsüchte uns traurig oder glücklich machen. Ob wir es zulassen, dass ihre vermeintliche Unerreichbarkeit uns lähmt oder ob sie uns eher anspornen, ihnen zu folgen und das Beste daraus zu machen, auch dann, wenn man sie in ihrer eigentlichen Form sicher nicht mehr realisieren kann.

Wie beispielsweise diese eine letzte Reise mit meinem Paps. Mein Papa ist immer gerne gereist. Mal allein, mal nur mit seiner Frau und als meine Schwester und ich noch Kinder waren, ist er sehr viel mit uns, seiner Familie gereist. Wir waren in Italien, Südtirol, Österreich, Frankreich, Griechenland, Kroatien … wir waren wandern, am Meer. Sehr oft erst wandern und dann ging es direkt weiter ans Meer. Viele jahre lang waren wir mindestens zweimal pro Jahr in Griechenland, sind mit der Fähre von Ancona (Italien) nach Patras (Peleponnes) übergesetzt oder sind mit dem Auto über Land durch das ehemalige Jugoslawien bis auf den Peleponnes gereist.

Wir haben so viele tolle Reisen gemacht, so viele fantastische Sachen erlebt. Wir waren in griechischen Klöstern, haben in Türmen übernachtet, waren bei Zigeunern und mein Vater hat fantastische Fotos von ihnen gemacht oder wir sind einfach nur gemeinsam im Meer. Auch das ist eine Sehnsucht, die ich mit mir herumtrage und es ist auch eine Sehnsucht, von der ich weiß, dass sie auch mein Vater ein Leben lang mit sich herumtrug.

Lass es uns noch einmal machen

Deshalb war es mir sehr wichtig, dass wir 2018 es noch einmal versuchten. Mein Vater war schon sehr krank, das Sprechen war kaum mehr möglich. Er war bereits inkontinent und die Körperpflege war eine Tortur, nicht selten mit Aggression verbunden. Wir haben es trotzdem gemacht und ich bin so unfassbar froh darüber, dass uns diese Sehnsucht nach einer gemeinsamen Reise dazu bewegen konnte, es noch einmal zu tun.

Wir reisten nach Holland, ans Meer und ich werde diese Tage dort am Meer, im Garten unseres Ferienhauses oder beim Abendessen, wenn mein Vater, wie fast jeden Abend ein komplettes Glas Essiggurken wegputzte immer in schöner Erinnerung behalten. Die Gurken ihm so  gut geschmeckt und wie haben gerne am nächsten Tag ein neues für ihn besorgt. Es war einfach schön. Und das sind die Momente der Erinnerung, die mich über die Sehnsucht und auch die Traurigkeit hinwegtragen, dass das Reisen so nie mehr möglich sein wird.

Sehnsucht ist schön

Deshalb möchte ich auch diesen Beitrag, wie so viele meiner Blogtexte mit dem Appell an dich schließen: Lass nicht zu, dass deine Sehnsüchte nach Dingen, die so nicht mehr erreichbar sind, dich in eine tiefe Traurigkeit führen. Pack die Sehnsucht lieber an und schau, was du im hier und jetzt noch für Möglichkeiten hast. Ganz sicher ist das mehr, als du im Moment glauben magst.

Die Blogparade ist vorbei

Damit schließe ich meinen letzten Beitrag im Rahmen der Blogparade #demenzmoment. Es waren fantastische 12 Monate. Dennoch denke ich, jetzt ist es gut einen Punkt zu machen und einen Abschluss zu finden. In Zukunft wird es hier natürlich weitere Beiträge aus unserem Leben mit Alzheimer geben. Außerdem werde ich ab September die Gruppe für Pflegende Angehörige in unserer Region betreuen. Vielleicht wird auch das ein oder andere Thema von dort hier auf meinem Blog zur Sprache kommen.

Mein herzliches Dankeschön!

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle noch bei allen die diese Blogparade mit ihren tollen Beiträgen beflügelt haben. Und damit einen vielleicht auch nur kleinen Meilenstein – aber immerhin – dazu beigetragen haben, dass Demenz und Alzheimer endlich in der Öffentlichkeit ankommt. Bewusst ankommt, wahrgenommen wird und nicht mehr abschreckend auf andere wirkt, denn Alzheimer und Demenz ist da, sie ist überall und sie sollte nicht mehr unter den Teppich gekehrt oder nur im stillen Kämmerlein gelebt werden.

DENN Alzheimer eröffnet denen, die davon betroffen sind, so viele neue Möglichkeiten, innezuhalten, genau hinzuschauen, achtsamer zu sein … Möglichkeiten, die in der Hektik des gesunden Alltags viel zu oft untergehen.

Mein besonderer Dank geht an meine Blogger-Kollegin Peggy Elfmann mit ihrem wunderbaren Blog „Alzheimer und wir“, die mit mir gemeinsam dieses Blogparade-Jahr gewuppt hat.

Danke! An euch alle! Und bleibt zuversichtlich.  💗

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