29. Knock-out

Eine Woche ist verstrichen. Eine Woche Klinik für meinen Vater. Eine Woche Erholung für uns. Naja, so gut es eben geht mit den Gedanken doch fast ständig beim Vater. Zudem hat mich eine Woche lang auch ein grippaler Infekt lahmgelegt. Ich hatte die Nase im wahrsten Sinne des Wortes gestrichen voll. Zwischendurch war ich trotzdem zweimal bei meinem Vater. Auch er hat mit einem leichten Infekt zu kämpfen. Die Nase läuft, aber nicht weiter schlimm.

Dienstag, an Tag zwei in der Klinik waren meine Schwester und ich dort. Wir kamen in die gerontopsychiatrische Abteilung und mussten zunächst zum behandelnden Arzt. Mein Vater war nicht zu sehen. Wir sprachen circa 10 Minuten mit dem Arzt. Er erklärte uns, dass sie meinen Vater zunächst beobachten möchten. Die Medikamente werden wohl eine oder sogar zwei Wochen lang nicht verändert. Wait and see – die Devise. Okay.

Wo ist der Papa?

Nach dem Gespräch wollen wir zu unserem Vater. Doch wo ist der nur? Die ganze Abteilung wird durchsucht. NIX. Das gibt es doch nicht. Aufregung macht sich breit. Nicht nur bei uns, sondern auch bei den Pflegerinnen und Pflegern. Nach weitern zehn Minuten finden wir ihn. Er sitzt umgekehrt auf der Toilette und schläft. Zwei Pflegerinnen und ich hieven ihn – schwer wie ein Sack Zement – in einen Rollstuhl. Stehen kann er nicht. Sprechen kaum. Würd ich es nicht besser wissen, würde ich sagen er ist total stoned oder stockbesoffen. Was ist los? Meine schwangere Schwester weint. Ich bin geschockt. Ist das jetzt der Einbruch, vor dem uns so gegraut hat?

Entsetzt und voller Angst suche ich das Gespräch mit den Schwestern. Ein genauer Blick ins Protokoll zeigt was passiert ist. Sie haben ihm Lorazepam gegeben. Das wirkt bei ihm nur leider paradox, also gerade entgegengesetzt. Anstelle von Ruhe führt es bei ihm zu Unruhe und Aggression. Das hatte ich dem Arzt aber gesagt, bzw. es schriftlich im aktuellen Medikationsplan meines Vaters notiert und mit gelbem Maker hervorgehoben. Hat er leider übersehen. Und nachdem mein Vater nun so mega unruhig war, hat ein Pfleger kurzerhand zu Melperon gegriffen und ihm das noch obendrauf gegeben. Das Ergebnis: totaler Knock-out. Fast drei Tage hat es gedauert bis der Cocktail wieder aus ihm raus war. Wahnsinn. Lorazepam ist fortan von seinem Medikationsplan gestrichen. Das ist jetzt angekommen.

Ein Cocktail zuviel

Freitag kam ich wieder hin. Kurz vor dem Abendessen. Mein Vater saß entspannt im Gemeinschaftsraum. Sprach mit uns. Dann gab es Essen. Vorab verteilte der Pfleger Lätzchen. Brauchen wir nicht, sage ich. „Das würde mich wundern“, sagt ein Pfleger. „Warum?“, frage ich. „Na, weil man ihn füttern muss.“ Hä, bis Sonntag aß er noch selbständig und das tat er zum Erstaunen der Pfleger heute auch. „Kein Wunder, dass ihr ihn füttern musstet, bei dem Cocktail, den ihr ihm neulich verpasst habt.“, sagte ich scherzhaft. Ehrlich, wenn es nicht so traurig wäre, wäre es schon wieder lustig. Und nachdem es meinem Vater nun wieder gut ging, konnten wir auch ein bisschen darüber lachen. Humor hilft, immer.

Reden hilft auch

Morgen besuche ich meinen Vater wieder. Hoffentlich geht es ihm gut. Aber zuvor geh ich zur Psychologin. Ein Angebot für Angehörige von Alzheimer-Patienten. Eine gute und wichtige Sache, wie ich finde. Einfach mal reden. Reden ist immer gut. Wir tun das viel zu wenig. Über unangenehme Dinge spricht man nicht. Das ist nicht gesellschaftsfähig. Lieber alles unter den Teppich kehren. Was ich nicht höre oder sehe, ist auch nicht da. Nein, meine Devise ist das nicht. Ich rede und ich schreiben hier über Alzheimer, über mein, über unser Leben mit Alzheimer. Das hilft mir und ich hoffe, damit auch anderen helfen zu können. Wenn auch nur damit, sich nicht mehr ganz so allein zu fühlen. Also rede ich morgen mit der Psychologin. Und dann mal sehen, was der Tag so bringt.

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