54. Besuch am Fenster

Diese Corona-Krise zerrt an uns allen. Gefühle werden überstrapaziert. In der Hundeerziehung gibt es einen Spruch „Distanz erzeugt Nähe“ – puh, lieber Virus, mehr Distanz brauch ich wirklich nicht. Der Wunsch nach Nähe, der jetzt schon dabei herauskommt, genügt mir eigentlich.

Diese scheiß Alzheimer-Krankheit bringt doch per se schon so viel Traurigkeit mit sich und jetzt noch das. Es ist dieses traurige Gefühl, dieser Knoten, irgendwo in einem drin, der einem bisweilen schier die Kehle zuschnürt. Dieses Gefühl begleitet einen sowieso schon tagein, tagaus, überall und an jeden Ort. Für die meisten von uns Betroffenen und Angehörigen bedeutet das eine immerwährende Anstrengung, das alles auszuhalten. So oft verschwimmt die Welt vor deinen Augen und die Traurigkeit übermannt dich…

Annehmen

Daran sind wir, bin ich gewohnt. Damit kann ich umgehen. Ja, ich habe in dieser Situation gelernt, mehr noch als ich es zuvor schon tat, die schönen Dingen zu sehen, mir das positive Gefühl zu erhalten. Und das funktioniert nur mit einer großen Schippe Liebe. Mit der Erinnerung an die Liebe, die mein Vater mir zeit seines Lebens schenkte, mit der Liebe, die ich ihm, meiner Familie und auch mir schenken kann. Liebe steht über allem und wer das Leben liebt, der hält auch das aus. Davon bin ich überzeugt. Und deshalb halte ich aus, nein viel mehr noch: Ich nehme es an und so fühlt es sich gut an. Das Leben, so wie es ist, auch mit der Alzheimer-Erkrankung meines Vaters.

Zusammenstehen

Doch dann durchkreuzt so ein bescheuertes Virus unser Leben und reißt uns alle mit. #stayathome, keiner geht mehr zur Arbeit – oder nur noch wenige, die Fließbänder stehen still, in Lebensmittelläden, Apotheken, Arztpraxen und Krankenhäusern herrscht hingegen Hochbetrieb. Mir scheint als spielen fast alle verrückt. Dabei höre ich meinen Vater irgendwo in meinem Kopf „Die sind doch alle verrückt, das sag ich doch schon lange.“ Und im selben Moment muss ich schmunzeln. Ja, die spielen offensichtlich alle verrückt. Das Leben, die Viren und die Menschen. Doch wir müssen das Rädchen am Laufen halten, irgendwie. Dem einen gelingt das gut, dem anderen weniger. Und denen müssen wir helfen, zusammenstehen, mit anpacken oder einfach auch mal zuhause bleiben. Dieses Virus sorgt für ein Durcheinander, eine Ungewissheit, für Angst und auch für Traurigkeit.

Anpacken

Noch mehr Traurigkeit. Du lieber Himmel, wie sollen wir das bloß aushalten? Tja, müssen wir wohl. Und das Beste ist daher, wir lassen uns etwas einfallen. Wir lassen uns etwas einfallen, wie das alles besser auszuhalten ist. Ich für meinen Teil bin einerseits wie parallelisiert. Starre manchmal stundenlang nur vor mich hin, unfähig irgendetwas zu tun oder auch nur zu denken. Habe ich doch so gerne die Dinge alle im Griff und jetzt rinnen sie mir nur so durch die Finger. Doch dann berappele ich mich wieder und entwickle Ideen – wie kann ich mir, wie kann ich anderen helfen. Und da kam mir die Idee: Vielleicht könnten wir meinen Vater im Heim am geschlossenen Fenster treffen. Er innen, wir außen.

Wie sehen uns am Fenster

Was soll ich sagen. Zwei Doofe ein Gedanke. Ich rief im Heim an und wollte gerade fragen, da machte man mir den Vorschlag, eben das zu tun. Auch der eine oder andere Angehörige hat schon am Fenster bei seinem Lieben oder seiner Lieben vorbeigeschaut. Gesagt, getan. Papas Lieblingsmusik eingepackt und ab damit auf seine Terrasse. Er saß schon innen am Fenster und lächelte, als er mich und meinen Hund sah, wie wir so auf in zumarschierten. Ich setzte mich mit einem Gartenstuhl ans Fenster, stellte den Bluetooth-Lautsprecher an den Fensterrahmen, ließ seine Playlist laufen und wir kommunizierten eine halbe Stunde miteinander. Er redete, naja, er fabulierte, setzte irgendwelche Silben aneinander, wie er es immer tut, und wir verstanden uns einfach. Es war schön zu sehen, wie wach, erfreut und gleichzeitig auch wie ruhig er war.

Doch wie mag er sich wohl fühlen, wie mag es für ihn sein, mich so hinter dem Fenster zu sehen. Irgendwie da, irgendwie nah und doch kein Herankommen. Ach Paps, ich weiß nicht, wie es in dir ausschaut, aber das weiß ich ja nie wirklich. Ich kann nur hoffen, auch du hast dich gefreut mich zu sehen. Und ja, wenn mein Eindruck mich nicht trügt, dann tat ihm unser Treffen am Fenster offensichtlich gut. Ich denke, er hat sich gefreut, dass ich da war, und das ist schön. Gut sah er auch aus. Gut gepflegt, eine schöne Haut, alles wunderbar. Ich bin den Pflegekräften so unendlich dankbar, dass sie sich kümmern. Diese Dankbarkeit kann selbst ich kaum in Worte fassen.

Wir schaffen das

Natürlich würde ich mich gern viel mehr und vor allem selbst um meinen Paps kümmern, würde gerne längere Zeit mit ihm verbringen, bei ihm sein, ihn in den Arm nehmen. Aber das wird wohl über viele Wochen nicht mehr möglich sein. Solange muss ich vertrauen, muss ich den Menschen, die sich nun um meinen Vater kümmern, noch mehr vertrauen als ich es unter normalen Umständen eh schon tue. Aber wenn ich ihn so sehe, wie kürzlich am Fenster, dann bin ich glücklich, glücklich mit der Situation, wie sie jetzt ist und einfach nur froh, dass es ihm gut geht. Wir schaffen das, mit Liebe, Zusammenhalt und Vertrauen … wir sehen uns wieder, ohne das dämliche geschlossene Fenster dazwischen.

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.