10. Pest oder Cholera

Die vergangene Woche war geprägt von Höhen und Tiefen. Zunächst schien alles gut zu laufen. Mein Vater wurde allmählich ruhiger, schien sich mit seiner Situation zu arrangieren und seine Mitte zu finden. So schrecklich die Krankheit Alzheimer ist, so schön war das zu sehen. Wir waren froh und guter Dinge, dass wir ihn bald wieder mit nachhause nehmen können.

Am Donnerstag kam die Fußpflegerin, um meinem Vater die Fußnägel zu schneiden, was er von meiner Mutter schon wochenlang nicht mehr machen ließ. Die Anspannung stieg. Meine Mutter und ich waren sehr nervös, weil wir davon ausgingen, dass mein Vater sich die Nägel nicht schneiden lassen würde. Und dann kam alles anders. Er genoss die Fußpflege regelrecht und konnte rund eine halbe Stunde stillsitzen. Zwischendurch begann er sogar zu singen. Nur einmal, als die Fußpflegerin etwas grob zupackte, nannte er sie eine „wilde Sau“. Darüber konnten wir herzlich lachen.

Unerwarteter Rückschlag

Doch dann kam der große Rückschlag, auf den mich mein Hausarzt und gute Bekannter zwar vorbereitet hat, dennoch traf es mich und die ganze Familie wie ein Schlag. Mit einem Mal brach mein Vater völlig in sich zusammen. Freitag, Samstag, Sonntag, von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Er war müde, erkannte uns nicht mehr, motorisch war er absolut desolat, bis er am Sonntag dann sogar stürzte. Zum Glück nichts größeres passiert, nur eine Schramme am Kopf. Wir waren entsetzt. Wie konnte das sein, wo kam das mit einem Mal her? Er war doch auf einem guten Weg. Am Wochenende konnte uns kein Pfleger eine genaue Auskunft geben. Wir mussten den Montag abwarten, bis wieder ein Arzt da war.

Am Montag dann die Erleichterung. Es geht ihm besser. Heute am Dienstag auch. Bei der heutigen Visite erklärte uns der Chefarzt dann, dass die Medikamente eine Langzeitwirkung haben. Was zunächst als gut erscheint, kann nach einiger Zeit, wenn sich das Medikament im Körper angereichert hat, dazu führen, dass zu viel davon im Körper ist und den Patienten Schach matt legt. So ungefähr war das wohl bei meinem Vater.

In der Ruhe liegt die Kraft

Jetzt bekommt er eine geringere Dosis davon und noch ein anderes Medikament dazu. Mal sehen wohin uns das führt. Auch hier besteht nun die Gefahr, dass es langfristig zu viel wird oder dass es gar nicht wirkt oder dass es nicht genau die gewünschte Wirkung erzielt, die sich der Chefarzt und wir erhoffen – nämlich die, dass mein Vater seine innere Ruhe findet und mit der Krankheit – so schlimm sie ist – noch eine Weile friedlich leben kann.

Dafür nehmen wir die Nebenwirkungen und die Ups und Downs der letzten Zeit notgedrungen in Kauf, denn ohne Medikament geht es eben auch nicht mehr. Irgendwie ist es, als hätten wir nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Sein Zustand zuhause war wie die Pest, für ihn und für uns. Unruhig, geradezu gehetzt jagte mein Vater tagein tagaus durchs Haus. Kam einfach nicht zur Ruhe und neigte vermehrt zu Aggressionen. Jetzt bekommt er die Medikamente, wirkt ruhiger, insgesamt aufnahmefähiger, hat motorisch aber abgebaut. Das ist für mich die Cholera. Und doch weiß ich, dass wir genau das so in Kauf nehmen müssen, um ihm und uns noch ein paar gute Jahre zu ermöglichen – soweit es diese scheiß Krankheit eben zulässt.

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