11. So traurig und doch…

Jeden Tag ist jemand von unserer Familie bei meinem Vater in der Klinik – beinahe jeden Tag bin auch ich dabei. Zu Anfang war das echt schwierig. Die ersten Tage in der Klinik waren schrecklich. Dieser komplette Absturz. Die Hilflosigkeit. Dann der Lichtblick. Es ging aufwärts und die Besuche fielen leichter, der Knoten im Bauch wurde kleiner.

Mittlerweile sehe ich nicht mehr nur unser eigenes Schicksal, sondern nehme auch die traurigen Geschichten um mich herum war. Es sind so viele. Mehr und mehr komme ich auch mit den anderen Patienten in Kontakt. Der eine oder die andere freut sich mittlerweile auch schon, wenn wir meinen Vater besuchen. Ich hab den Eindruck, sie mögen uns. Wahnsinn, wie sich hier die bitteren Lebensgeschichten stapeln und doch immer wieder ein fröhliches Gespräch entsteht oder ein herzliches Lachen erklingt.

Leben, lieben, lachen…

Natürlich gibt es auch viele traurige Momente, wenn zum Beispiel mal wieder jemand seine sieben Sachen sucht und davon überzeugt ist, dass sie geklaut wurden. Da weinen erwachsene Frauen wie kleine Kinder, weil sie ihre Handtasche nicht finden. Eine andere ruft verzweifelt nach ihrer Mutter … und beginnt zu schluchzen. Und dann hakt sich diese eine alte Dame bei mir unter und sagt: „Jetzt bleibe ich einfach mal bei dir stehen, hier gefällt es mir.“, und wir kommen ins Gespräch. Ein ganz wunderbarer Moment, dabei kenne ich diese Frau überhaupt nicht. Allmählich freue ich mich auf diese fast täglichen Besuche. Aller Stress um einen herum ist vergessen und man kann sich auf das Wesentliche konzentrieren: Das Leben, die Liebe und auch das Lachen … den beißenden Desinfektionsgeruch, der hier überall in der Luft liegt, rieche ich nicht mehr.

Altenpflege ist kein Zuckerschlecken

Meine größte Hochachtung allerdings gilt den Pflegekräften. Was diese Menschen täglich leisten ist mit Worten nicht zu beschreiben. Liebevoll kümmern sie sich um die Alten und Kranken. Klar, wird der Ton auch mal ruppig, wenn einer der Patienten der Pflegerin oder dem Pfleger die Tabletten aus der Hand schlägt, die er eigentlich gerade hätte einnehmen müssen, oder, oder, oder. Es gibt so viele Geschichten, die in der Gerontopsychiatrie täglich passieren. Vielleicht werde ich sie irgendwann einmal erzählen. Für den Moment bin ich einfach nur dankbar, dass es dieses Pflegepersonal gibt. Diese Menschen, die sich um all die Alten und Kranken kümmern, aufopferungsvoll, für einen viel zu geringen Lohn und in ständiger Überbelastung, weil die Pflegeschlüssel einfach zu gering sind.

Sprache vs. Emotionen

Und dann ist da mittendrin mein Vater. Wenn ich darüber nachdenke, kann ich es nicht fassen. Wir sitzen hier beisammen, reden ein bisschen, Sinn macht das Meiste nicht. Wir kümmern uns darum, dass es ordentlich isst, weil es ihm mit uns zusammen besser schmeckt. Ich schau ihm direkt in die Augen, suche Blickkontakt und bekomme ein freundliches Wort oder ein Lachen zurück. Die Sprache und Gespräche mit Sinn gehen verloren. Doch die emotionale Begegnung ist intensiver denn ja. Es reduziert sich irgendwie alles aufs Gefühl. Nein, reduzieren ist nicht das richtige Wort: Es konzentriert sich alles aufs Gefühl. Ich versuche seine Stimmungen zu spüren, mich darauf einzulassen und so treten wir in Kontakt. Und dabei kommt mir diese aufs Gefühl reduzierte Beziehungsebene als so viel mehr vor, so viel mehr als viele Gespräche mit Sinn. Wenn ich mit meinem Vater jetzt kommuniziere sind wir im Hier und Jetzt. Jede Enttäuschung, jeder Streitpunkt von einst sind vergessen und wir sind einfach zusammen, essen, lachen, leben – solange uns das gemeinsam noch irgendwie möglich ist…

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