13. Einfach nur erschöpft

Gestern war ein schrecklicher Tag. Wir kamen bei dir an und du warst total in dich gekehrt. Wir sind kaum zu dir durchgedrungen. Trotzdem haben wir beschlossen, ein bisschen mit dir raus in den Park zu gehen. Frische Luft tut dir bestimmt gut. Doch unterwegs wurdest du immer steifer. Deine komplette Muskulatur hat sich angespannt und wir haben dich kaum zurück in die Klinik gebracht. Einfach alles und jeden hast du verkannt. Zurück in der Klinik ist dein Oberkörper immer weiter nach vorne gekippt. Du konntest dich kaum mehr aufrecht halten, mit dem Kopf lagst du nach vorne gebeugt fast auf dem Tisch. Es ist schrecklich dich so zu sehen, demütigend und entwürdigend. Du hattest ein Leben. Und was ist das jetzt? Die Medikamente, in die wir so viel Hoffnung gelegt haben, machen dich kaputt. Noch kaputter, als es diese scheiß Alzheimer eh schon tut. Was sollen wir nur machen?

Nebenwirkungen

Ständig hinterfrage ich mich. Habe ich das Richtige getan? Wieso kann nicht ein Medikament mal Wirkung zeigen? Doch wenn ich recht überlege. Zur Ruhe ist mein Vater ja gekommen und die Aggressionen sind auch weniger geworden. Na gut, in dem Zustand hat er ganz offensichtlich keine Kraft mehr dafür. Woher auch. Zumindest das haben die Medikamente geschafft. Er irrt nicht mehr ruhelos herum, sondern sitzt auch mal am Tisch oder im Sessel und träumt vor sich hin… Doch diese Nebenwirkungen sind einfach grässlich, seine Motorik ist vollkommen gestört, er ist steif, läuft schwerfällig und hat seine Bewegungen nicht mehr im Griff. So kann es nicht bleiben. Aber ohne Medikamente geht es halt auch nicht mehr. Ein Dilemma, aus dem es kein Entkommen gibt.

Auch heute war es kaum besser. Gegen Nachmittag wurde mein Vater steifer und steifer, sodass er nach dem Abendessen, gegen halb sechs bereits ins Bett gebracht werden musste. So müde un völlig steif war er. Dabei haben wir eine Stunde zuvor noch zusammen gelacht. Er hat mit schwerer Zunge (auch eine Nebenwirkung der Medikamente) erzählt und erzählt…

Das Schicksal ist ein Arschloch

Am morgen und am Vormittag soll er ganz flott unterwegs gewesen sein. Dann am Nachmittag wieder dieser Einbruch. Wo führt uns das nur hin? Heute hat mich zum wiederholten Mal der Wunsch beschlichen: „Lass ihn gehen, liebes Schicksal, lass ihn gehen … das ist doch kein Leben mehr.“ Ein schrecklicher Gedanke und kaum ausgedacht, schäme ich mich auch schon wieder dafür. Möchte ich ihn doch viel lieber noch ganz lange bei uns haben.

Und ja, die Ärzte sehen Chancen und Möglichkeiten, ihm noch eine schöne Zeit – soweit es die Alzheimer zulässt – zu ermöglichen. Ich möchte daran glauben, nein, ich glaube ganz fest daran. HOFFE. Dennoch werde ich auch ungeduldig. Wie lange mag das noch dauern, bis wir mit Sicherheit von einem stabilen und lebenswürdigen Zustand sprechen können? Wie lange noch? Schließlich lässt uns die Krankheit ja auch nicht ewig Zeit. Und mit jedem Tag, der vergeht, wird mir Angst und Bang. Ich bin erschöpft, erschöpft und tief traurig. Wie mag es dir nur gehen, Vater, wie mag es dir nur gehen…?

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