21. Umdenken

Heute hatte ich ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Oberarzt der Klinik, in der mein Vater die vergangenen Wochen verbracht hat. Ein langes Gespräch, in dem er mir in aller Klarheit verdeutlichte hat, warum mein Vater gerade bei der Körperpflege so derart austickt. Wobei er ansonsten die friedlichste Person überhaupt ist. Hier möchte ich darauf nicht näher eingehen, das ist mir an dieser Stelle doch zu privat. Im Ergebnis heißt das nun für uns und alle, die an seiner Pflege beteiligt sind: Umdenken. Wir sind an der Reihe. Wir müssen noch mehr auf meinen Vater, seine Krankheit und all die damit verbundenen Symptome eingehen.

Plan B oder C oder D

Alzheimer hat so viele Facetten und neben dem Zerfall der kognitiven Leistungen treten die jeweiligen besonderen Eigenschaften des Erkrankten oftmals noch viel stärker als zuvor zu Vorschein. Und die gilt es zu ergründen und darauf einzugehen. „Muss denn alles immer so gründlich sein“, sagte der Oberarzt zu mir. Und meinte damit, dass wir meinen Vater doch einfach auch mal in Ruhe lassen sollen, wenn er sich nicht waschen lassen mag. Wen stört es? Ja, wen eigentlich? Meinen Vater offensichtlich nicht.

Zweiter Punkt: Wir müssen ein Umfeld schaffen, das meinem Vater ein Gefühl des Vertrauens vermittelt. Das sind nicht unbedingt wir, seine Familie. Das kann auch eine andere, vielleicht fremde Person sein. An dieser Stelle kommt unsere Haushaltshilfe ins Spiel. Ihr schenkt mein Vater mittlerweile großes Vertrauen und sie kommt bei der Körperpflege bisweilen besser mit ihm zurecht, als wir. Diese Wahrheit könnte schmerzen. Doch erstaunlicherweise tut es das nicht. Ich bin nur froh, dass es so ist.

Der tägliche Pflegedienst hingegen tut ihm nicht gut. Andauernd andere Gesichter, kaum einmal zwei Tage, an denen dieselbe Pflegekraft zu uns kommt. Morgens, abends – andauernd fingert jemand anderer an ihm rum. Daher schrauben wir das nun auf ein Mindestmaß zurück. Schön wäre, wenn hier weniger personeller Wechsel stattfinden würde, aber das lässt unser Pflegesystem ganz offensichtlich nicht zu. Das ist schade, sehr schade.

Alles eine Frage der Einstellung

Dritter Punkt: Der Mensch ist keine Maschine, die eingestellt werden kann. Einstellen – was für ein bescheuertes Wort in Bezug auf einen Menschen. Was will man den da einstellen? Gut, mein Vater war in der Klinik zur medikamentösen Einstellung. Was passierte dort? Die Ärzte haben versucht, ihm mit Hilfe von Medikamenten seine Unruhe und Ängste zu nehmen, damit es in Folge davon zu weniger Aggressionen kommt. Das ist zunächst mal gelungen. Mit Ausnahme der Körperpflege.

Und wir, seine Familie und auch der Pflegedienst, die glaubten, dass an dieser medikamentösen Einstellung jetzt, da erneut Aggressionen auftreten, wieder geschraubt werden muss, werden nun eines Besseren belehrt. Wir stellen fest: Wir liegen falsch. Es geht nicht mehr um die medikamentöse Einstellung. Jetzt geht es um unsere Einstellung. Unsere Einstellung zu dieser beschissenen Krankheit und dabei auch um unseren Willen und unsere Kraft, damit umzugehen.

Der Oberarzt machte mir klar, dass hier Medikament nicht mehr viel Veränderung bringen können, der Mensch sei schließlich keine Maschine. Wir, das Umfeld muss sich vielmehr einstellen. Wir müssen uns einstellen auf den Umgang mit unserem kranken Vater und dazu gehöre auch der Umgang mit dieser Aggression bei der Körperpflege. Das ist nicht einfach, das sei ihm klar, es gebe aber momentan keine Alternative. Außer … kurze Pause … außer das Pflegeheim! Und das heißt nicht, dass wir unseren Vater, sollten wir uns für das Pflegeheim entscheiden, dass wir unseren Vater dann dorthin abschieden. Die Entscheidung fürs Pflegeheim, solle dann erfolgen, wenn wir, sein Umfeld an einer Grenze angekommen sind. Wenn alle Versuche ihn zuhause zu pflegen gescheitert sind. Ja, ist klar. Fühlt sich aber beschissen an. Und wo verdammt nochmal ist diese Grenze denn? Würden wir Außenstehende fragen, gäbe es bestimmt schon zig Menschen, die denken, dass wir irre sind und dass mein Vater längst ins Pflegeheim gehöre, weil er dort viel besser aufgehoben wäre. Nicht um seinetwillen, sondern wegen uns. Wie können wir uns nur derart mit der Pflege einer Person belasten.

Da frage ich mich: Wie weit darf oder muss eine Pflege innerhalb der Familie gehen? Wann darf man abgeben? Und gibt man ab, ist das dann Kapitulation? Mit Sicherheit würden einige andere, dann genau das denken und sagen „Wie konntet ihr nur euren Vater so im Stich lassen? Einfach ins Pflegeheim abschieben.“ Also fragen wir die anderen nicht. Eigentlich hat mich die Meinung anderer auch noch nie interessiert. Ich habe immer das gemacht, was für mich das Beste war – und das haben schon immer mein Bauch und auch meinem Kopf entschieden – kein anderer. Also machen wir das auch jetzt so. Im stillen Vertrauen darauf, dass wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen können.

Noch nicht am Ende

Und im Moment sind für mich, für uns, die Familie noch nicht alle Versuche gescheitert. Wir sind noch nicht am Ende. Der nächste Schritt ist nun die Suche nach einer 24-Stunden-Kraft. Wir würden eigentlich viel lieber weiter mit unserer Haushaltshilfe die Pflege meines Vaters gestalten, aber sie hat selbst Familie. Also kann sie am Abend nicht da sein und am Wochenende ist sie auch nicht da. Ja gut, dann legen wir mal los mit der Suche. Mal sehen, wie es läuft. Sollten die Aggressionen allerdings noch stärker werden, dann heißt es wieder einmal: Umdenken.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.