23. Gute Zeiten

Ja, die gibt es bei uns auch. Und nein, ich will damit nicht sarkastisch klingen. Es ist nur so, dass uns diese scheiß Alzheimer schlichtweg mürbe macht. Diese Krankheit zieht so viel Kraft – von uns allen. Und doch sind da diese Momente, in denen wir herzlich miteinander lachen können.

Nach endlos langen Wochen. So viele waren es gar nicht, vielleicht zwei oder drei. Die haben sich aber wir Kaugummi gezogen, haben uns physisch und psychisch ausgesaugt. Also nach diesen Wochen voller Aggression, ist auf einmal alles ganz leicht.

Hose mit Reißverschluss

Warum das so ist, ist schnell erklärt. Wir haben meinem Vater Hosen gekauft, die einen seitlichen Reißverschluss haben, der komplett zu öffnen ist. Jetzt müssen wir ihm die Hose nicht mehr über Hüfte und Hintern herunterziehen, denn das war die heikle Situation, in der er regelmäßig ausgeflippt ist. Mit dem seitlichen Reißverschluss ist die Hose Null Komma nichts ausgezogen. Vielmehr fällt sie einfach so vom Körper ab und Dad hat überhaupt keine Zeit, sich aufzuregen.

Immer wieder frage ich mich, ob das gut ist, was ich hier alles erzähle. Ist es doch so intim. Doch ich finde, jeder der ein Familienmitglied hat, das an Alzheimer erkrankt ist, sollte wissen, was da auf einen zukommt. Und vielleicht ist dieses Reißverschluss-Ding ja auch für andere Betroffene ein guter Tipp. Wir jedenfalls sind super happy mit der Situation. Naja, so happy, wie man eben sein kann, wenn dein Leben von dieser Krankheit bestimmt wird.

Also lassen wir jetzt alle Hosen von meinem Vater nach und nach mit einem Reißverschluss ausstatten und sind wieder einen Schritt weiter. Dass es immer wieder Rückschritte geben wird, haben wir dann gleich heute erfahren dürfen. Heute war Papa sehr unruhig, motzte wegen jeder Kleinigkeit und war daher auch entsprechend angepisst, als es ans Schlafanzuganziehen ging. Doch mein Mann und ich sind da mittlerweile ein so eingespieltes Team, scherzhaft haben wir schon gesagt, wir sollten eine Dienstleistung als An- und Auskleide-Dienst für aggressive Demenz-Patienten anbieten. Wäre bestimmt eine Marktlücke.

Wir sind nicht allein

Scherz beiseite. Es ist zwar gut, dass wir doch hin und wieder über all das lachen können. Doch mal im Ernst. Wir dachten lange, diese Aggression meines Vaters ist echt ein Einzelfall und haben uns ab und an in unserer ausweglosen Situation gesuhlt. Doch nach mehreren intensiven Gesprächen mit verschiedenen Pflegekräften aus der Gerontopsychiatrie wurde uns klar: Mein Vater ist kein Einzelfall. Vielmehr ist es so, dass darüber viel zu wenig gesprochen wird. Die Menschen (also die Angehörigen) schämen sich dafür. Und auch deshalb oder gerade deshalb fühle ich mich darin bestätigt, in meinem Blog darüber zu schreiben. Es muss schlichtweg viel mehr davon bekannt werden, was alles hinter verschlossenen Türen passiert. Was die Angehörigen alles aushalten müssen, auf was sie sich einstellen müssen und schlussendlich auch, was sie alles leisten müssen. Ja, die Pflege eines Alzheimer-Patienten ist echt ein Kraftakt. Doch wer im Austausch mit anderen bleibt, wer Hilfe sucht und ja, auch Hilfe einfordert, der kann mit der Situation besser zurechtkommen. Davon bin ich überzeugt.

Ständige Veränderung

Das Leben ist eine ständige Veränderung, sagt man. Doch wenn es das „normale“ Leben schon ist, dann gleicht das Leben mit Alzheimer einer immerwährenden und nicht enden wollenden Achterbahnfahrt, mit schwindelerregenden Loopings und dem immer wiederkehrenden harten Aufprall. Und zwischendurch, ja zwischendurch da geht auch mal die Sonne auf. Ich für mich nehme all das mit. Schlechte Phasen stehe ich irgendwie durch. Ein Rettungsanker ist da auch immer wieder mein Mann. Er packt einfach mit an und wir lösen das Problem Alzheimer gemeinsam, so wie es sich uns stellt. Tag für Tag mit einem anderen Gesicht. Das rechne ich ihm hoch an, denn er hilft mir und meiner Mutter, meinen Vater zu pflegen. Nicht seinen Vater.

Die Tage war ich so endlos erschöpft, hatte starke Nackenverspannungen begleitet von Schwindel. Irgendwie hinterlässt diese Situation halt ihre Spuren. An diesen Tagen endloser Erschöpfung schickt mein Mann mich früh ins Bett. Ich solle endlich mal wieder schlafen. Ich falle dann tatsächlich auch wie ein Stein ins Bett. Schlafe 8 manchmal sogar 10 Stunden und bin erst nach Tagen wieder ausgeschlafen und halbwegs einsatzbereit.

Irgendjemand sagte mal zu mir „Alzheimer ist eine Angehörigenkrankheit“. Das stimmt wohl. Man muss wirklich aufpassen, dass die Situation einen nicht auffrisst. Doch dann geben mir diese guten Zeiten, in denen mein Vater gut erreichbar ist, diese guten Tage, an denen die Tür in seine Welt offensteht und ich eintreten darf, diese guten Tagen geben mir die Kraft weiterzumachen. Sie geben mir die Kraft, das alles mit einem lachenden Auge zu überstehen. Schließlich ist das, was wir jetzt haben, alles was uns bleibt. Was hilft also klagen. Durchhalten ist die Devise und dabei darauf achten, dass man selbst nicht auf der Strecke bleibt.

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