25. Oh du Fröhliche…

Zwei Wochen ohne unser Goldstück, Na, das kann ja heiter werden. Die Weihnachtzeit steht an. Klar, da möchte jeder möglichst nahe bei seiner Familie feiern. Auch unsere Haushaltshilfe zieht es da gen Heimat. Am 21. Dezember macht sie sich mit Mann und Kindern auf nach Rumänien. Und uns graut es vor den kommenden 14 Tagen.

Ich hab mir die Weihnachtszeit frei genommen – so gut das eben als Selbständige geht. Irgendetwas ist ja immer zu tun. Außerdem müssen wir die Wohnung im Untergeschoss (Einliegerwohnung) umräumen. Dort wo mein zweites Büro – mein Sommerbüro – war, soll ab Januar eine 24-Stunden-Kraft nächtigen. Ja, wir haben tatsächlich eine gefunden, aber dazu später mehr. Jetzt gilt es erst einmal die 14 Tage ohne unsere Haushaltshilfe zu überstehen.

Alzheimer kostet Kraft

Wer sich jetzt fragt, Haushaltshilfe – 24-Stunden-Kraft – wo bitte ist da der Unterschied. Unsere Haushaltshilfe arbeitet vormittags bei uns. Nachmittags kann sie nicht, wegen der Kinder. Leider ist für uns aber auf Dauer eine Unterstützung ausschließlich am Vormittag und auch nur werktags zu wenig. Nachmittags, abends, am Wochenende – da müssen immer Micha und ich ran. Wir haben kein eigenes Leben mehr. Sobald die Haushaltshilfe weg ist, können wir nicht mehr weg. Schließlich kann immer mal ein Malheur passieren – und allein bekommt meine Mutter die Körperpflege meines Vaters nicht gepackt. Kein freier Abend, kein Wochenende, geschweige denn ein Urlaub ist möglich. Ja, so sieht das aus, wenn man einen an Alzheimer erkrankten Menschen pflegen muss. Das ist wirklich Arbeit und jeder, der einen Alzheimer-Patient in der Familie hat, weiß wovon ich rede. Allen anderen möchte ich damit nur sagen, das ist echte, harte Arbeit. Weniger körperlich, vielmehr mental. Wobei bei meinem Vater ja auch noch die Aggression dazukommt – und die kostet bisweilen auch körperliche Kraft.

Um uns allen von der Mama bis zu mir und meinem Mann wieder etwas Entspannung zu ermöglichen, fiel also die Entscheidung, eine 24-Stunden-Kraft einzustellen. Dabei muss ich ganz klar sagen, so anstrengend das alles ist, wenn man die Zeit hat, wenn keine beruflichen oder anderen Verpflichtungen drängen, dann kann so eine Pflegesituation auch sehr erfüllend sein. So sind wir in den 14 Tagen ohne unser Goldstück sehr viel beieinander gesessen. Neben den Vorbereitungen im Haus, haben wir abends zusammen Fernsehen geschaut, zusammen gegessen oder uns einfach nur unterhalten.

Zeit füreinander

Morgens wenn ich runter kam, um Papa zu wecken, gab es viel mehr Tage an denen er lachte und sich wirklich freute, wenn er mich sah. Und nur an ganz wenigen Tagen war er schlecht gelaunt und hat mich und uns zum Teufel geschickt. Ich glaube, nein ich bin mir sicher, dass das vor allem daran lag, dass ich losgelöst von der Arbeit, entspannt zu ihm kam. Kein Termin drängelte im Rücken und wir konnten uns einfach Zeit füreinander nehmen.

An Silvester haben wir es sogar geschafft, bis nach Mitternacht wach zu bleiben. Auch wenn Papa nicht wirklich kapiert hat, dass wir hier und heute das neue Jahr begrüßen. So war er doch glücklich und zufrieden, dass wir alle beisammen waren. Das habe ich ganz deutlich gespürt.

Das neue Jahr begann dann allerdings wieder etwas unruhiger. Mein Vater hat vermehrt halluziniert und war dadurch auch schwerer zu erreichen. Die Kontaktaufnahme via Körperkontakt konnte einmal mit einem freudigen „Hallo, schön dich zu sehen“ starten oder auch in einem „Hau ab“ direkt wieder enden. Aber das sind wir, bin ich gewohnt. Böse bin ich ihm deshalb nicht. War ich noch nie. Es ist meine Aufgabe, mich auf seine Welt einzulassen, wenn mir das gelingt – wunderbar. Wenn nicht, dann halt nicht. Dann versuchen wir es eben später noch einmal.

Plumps

So hätten wir eigentlich auf rundum gelungene 14 Tage ohne unser Goldstück zurückblicken können. Wäre da nicht diese eine Nacht gewesen. Wie gesagt, Papa wurde nach Neujahr etwas unruhig. Irgendwie rutschten Tag und Nacht aus dem Gleichgewicht. Er lief nachts viel herum und hielt meine Mutter zwei Nächte lang wach. In der dritten Nach haben wir dann beschlossen, ihm doch etwas Beruhigungsmittel zu geben. Schließlich mussten er und auch meine Mutter mal wieder schlafen. Hat ganz gut geklappt. Papa schlief relativ bald ein, aber dann plumpste er leider um 3:30 Uhr aus dem Bett. Krach, Bumms, Getöse und Geschrei. Das ganze Haus war wach. Micha und ich rannten hinunter in die Wohnung meiner Eltern. Mama hievte Papa gerade wieder zurück ins Bett. Da saß er nun, wie ein Häufchen Elend. Das Blut floss ihm von der Stirn. Ein schöner Cut zeigte sich über seinem linken Auge. Mist. Im Halbschlaf versorgten wir die Wunde notdürftig und erwarteten ein fettes blaues Auge am nächsten Morgen. Dann ging es wieder zurück ins Bett. An Schlaf war natürlich nicht zu denken. Stattdessen musste Herta (unser Hund) raus. Im Schlafanzug begleitete ich sie in den Garten. Sie ließ sich fröhlich Zeit. Schnüffelte und Kackte dann endlich. Ich im Schlafanzug bei Minusgraden draußen im Garten – Ganzkörperkneippen nachts um vier. Hat auch was.

Am nächsten Morgen war bei Papa zum Glück alles nur halb so schlimm. Kein blaues Auge zeigte sich und auch die Wunde war kleiner als gedacht. Heute, nur drei Tage später, sieht man sie schon gar nicht mehr. Der Schreck war für uns alle das Schlimmste. Also für alle außer Papa, denn der verschlief das Ganze irgendwie und am nächsten Tag hatte er es eh schon wieder vergessen. Also alles noch mal gut gegangen. Jetzt haben wir ein Gitter am Bett angebracht – sicher ist sicher. Und seit heute ist nun unsere Haushaltshilfe wieder da und wir konnten ihr stolz berichten, dass alle gut lief. Naja, fast.

Logisch ist gar nix

In stillen Minuten wie diesen hier, wenn ich mir die Gedanken von der Seele schreibe, dann frage ich mich: Warum läuft es mal gut und mal schlecht? Die einzige Antwort, denke ich, liegt bei mir selbst. Der kranke Mensch kann nicht aus seiner Haut, er reagiert für sich und in seiner Welt immer angemessen. Wir gesunden, in unserer verkopften Welt, kriegen das aber schlichtweg auf der reinen Verstandesebene nicht erklärt. Doch wir brauchen ja immer eine Erklärung. Und bitteschön logisch sollte sie auch noch sein. Aber bei Alzheimer ist nichts, gar nichts ist da logisch.

Kopf aus, Emotionen an – das ist für mich der Schlüssel zum Erfolg, der Schlüssel hinein in diese unbekannte Welt Alzheimer. Wer sich von seinem Bauchgefühl leiten lässt, wer sich Zeit nimmt und wer dem kranken Gegenüber niemals böse ist, der kann eine Verbindung in diese auf den ersten Blick so traurige Welt aufnehmen. Und somit hat man dann die Chance für einen zweiten Blick, der zeigt, dass auch diese Welt etwas Schönes, Magisches und vielleicht sogar Befreiendes hat. Man muss sich nur darauf einlassen…

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