33.Schöne Scheiße

Ich weiß, dass Wort Scheiße prägt meinen Wortschatz, vor allem seit Alzheimer in unser Leben geplatzt ist. Wenn Alzheimer plötzlich dein Leben bestimmt, dann könntest du denken: Scheiße, scheiße, scheiße, denn das ist diese Krankheit ohne Zweifel. Doch so bin ich nicht. Ich erkenne die … jetzt sag ich es nicht nochmal …, aber ich erkenne auch das Schöne an ihr.

Vielleicht mal ein Beispiel, damit ihr besser verstehen könnt, was ich meine. Gestern war ich wieder bei meinem Vater in der Klinik. Ich hatte einen schlechten Tag, psychisch war ich irgendwie in der Kelleretage. Als ich nachhause kam, hab ich erst mal Rotz und Wasser geheult. Ja, solche Tage gibt es. Aber zurück in die Klinik. Gerade dort angekommen, treffe ich eine ältere, demente Dame. Ich frage sie, wie es ihr geht. „Gut geht es mir heute, danke. Und dir?“ „Mir geht es auch gut. Ich fahre übermorgen in Urlaub.“, antworte ich. Darauf sie: „Oh, das ist schön. Mach das, denn das Leben ist viel zu kurz. Deshalb musst du es genießen.“ Und sie lächelt mich an. Ich war zu tiefst gerührt ob dieser Worte und bin es noch immer. An den meisten Tagen tritt die Demenz bei dieser Frau so offensichtlich zu Tage und dann dieses Gespräch, dieser Satz. Das ist so schön.

Alarm, Alarm

Keine halbe Stunde später – völlig andere Situation. Ein Notfall am anderen. Aus drei verschiedenen Zimmern ertönt das Notrufsignal und die Pflegekräfte sind alle nur am Rennen. Hochspannung liegt in der Luft und kaum einer traut sich zu atmen. Was passiert hinter den Türen dieser Zimmer. Circa eine Stunde später entspannt sich die Lage wieder. Allen Notfall-Patienten geht es gut und auch wir atmen tief durch. Den Pflegekräften ist der Stress in ihre Gesichter geschrieben. Auch wenn ich manchmal nicht zufrieden bin, wie sie mit meinem Vater umgehen. Wenn ich innerlich schier explodiere, weil sie ihn aus irgendeinem Grund mal wieder im Bett oder am Stuhl fixiert haben. Trotz alle dem habe ich Hochachtung, vor dem was diese Menschen tun, denn die Gerontopsychiatrie ist kein Zuckerschlecken.

Schrecksekunde

Meinem Vater geht es an diesem Tag so lala. Einmal bin ich sogar richtig zusammengezuckt, als eine alte Frau am Rollator – sie mag meinen Vater nicht und schreit immer, wenn er nur in ihre Nähe kommt – an ihm vorbeigeht. Heute schreit sie nicht, aber selbst ich spüre, dass die Luft vibriert. Und von einer Sekunde auf die andere holt mein Vater aus und schlägt mit der Hand in ihre Richtung. Irgendwie hab ich gespürt, dass da gleich was passiert und bin instinktiv einen Schritt nach vorne getreten und habe mich zwischen die Frau und meinen Vater gestellt. Ich hab so getan, als ob nichts wär und hab ihn angesprochen. „Komm wir lassen diese Frau in Ruhe und gehen hier weiter. Heute ist sie glaub ich ganz nett.“ „Okay“, meint mein Vater … und wir gehen weiter. Was für eine Schrecksekunde. Ich hab meinen Vater noch nie so erlebt. Bislang war die Aggression ausschließlich bei der Körperpflege aufgetreten und jetzt das.

Humor ist…

Im Gespräch mit dem behandelnden Arzt erklärt er mir, dass diese Veränderung in seinem Verhalten möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass sie ein Medikament zu schnell heruntergefahren haben. Aha, und jetzt, tanzen die Neuronen in seinem Kopf Tango – oder was? Naja, wenn diese Tango-Phase wieder abklingt, dann seh ich das jetzt mal mit Humor und hoffe das Beste. Ja, was wäre das Leben ohne Humor. Mir hilft er jedenfalls immer wieder auch in – da ist es wieder das Wort – scheiß Situationen, den Kopf über Wasser zu halten. Das ist wichtig.

Doch leider geht es ihm auch heute nicht besser – eher schlechter. Er kommt total nach vorne gebeugt daher, erzählt meine Mutter, die gerade bei ihm war. Zudem wird er mehr und mehr aggressiv. Ich vermute, dass das neue Medikament wieder einmal nicht funktioniert. Genaueres wird die Zeit bringen. Und auf ein Neues heißt es, Geduld zu haben und unsichere Zeiten auszuhalten…

Da fällt mir diese eine Situation aus der vergangenen Woche wieder ein. Mein Vater arbeitet am Lichtschalter im Gemeinschaftraum. Aus. An. Aus. An. Ein paar „Weiber“, die meinen Vater schon lange auf dem Kieker haben, maulen in seine Richtung: „Jetzt macht der schon wieder das Licht aus“, tönt es. „Nicht ausmachen“, schreit es. Mein Vater hält kurz inne … schaltet das Licht aus und geht. Ich kann das Lachen kaum zurückhalten und bruste los. Mit einem breiten Grinsen in Richtung der „netten“ Damen schalte ich das Licht wieder an und gehe Papa hinterher. Ich hake mich bei ihm ein und flüstere „Na, denen haben wir es aber gezeigt“ und wir ziehen verschmitzt lachend von Dannen…

Das ist eine dieser Situationen, die diese Alzheimer-Scheiße SCHÖN und mir das Herz ein wenig LEICHTER machen.

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