51. Oh du Fröhliche

Weihnachten ist vorüber. Das erste Weihnachten, an dem mein Paps nicht mit uns zuhause feiert. Ich habe mich trotzdem darauf gefreut. Wie geplant sind wir, mein Mann, mein Hund, meine Mutter und ich am Heiligenabend zu meinem Paps ins Seniorenheim gefahren. Wir wollten gemeinsam mit ihm feiern, in seiner (zwischenzeitlich) gewohnten Umgebung. Einer jahrzehntelangen Tradition folgend hat meine Mutter „unseren“ selbstgemachten Wurstsalat mitgenommen. Den sollte mein Paps am Abend essen, den Geschmack seiner Kindheit, seines Lebens genießen. Dieser Salat wird seit gut 60 Jahren nach einem alten Rezept seiner Familie zubereitet und dieser ganz besondere Geschmack bedeutet für ihn schon seit langem „Weihnachten“.

Der Mensch plant…

Leider verläuft bei Alzheimer selten etwas nach Plan. So auch bei uns am Heiligenabend. Meinem Vater ging es an diesem Tag nicht gut. Er kippt seit einiger Zeit in seinem Rollstuhl nach vorne. Sei es aus Müdigkeit, sei es aufgrund von Rückenschmerzen oder mischen sich allmählich Parkinson-Symptome zu seiner Alzheimer-Erkrankung dazu. Ich weiß es nicht. Und so war es auch an diesem Tag und es ist schrecklich, ihn so zu sehen. Hinzukommt, dass im Heim erst kürzlich der Norovirus die Runde machte. Eigentlich sollte die Quarantäne durch sein. Doch leider hat sich am Weihnachtsmorgen eine Bewohnerin direkt neben meinem Vater mehrfach übergeben. Im Nachgang hat sich rausgestellt, dass die Dame sich aufgrund einer anderen gesundheitlichen Ursache – hoher Blutdruck oder ähnliches – übergeben hat. Keine erneuter Noro-Ausbruch. Aber das wussten wir am Weihnachtsabend noch nicht. Und ich gebe zu, mich hat das mächtig geschlaucht. Ich hatte bereits einmal selbst den Norovirus und mir wird noch heute schlecht, wenn ich dran denke.

…das Schicksal lacht

Es war dann trotzdem schön zu sehen, wie es meinem Vater dann doch etwas besser ging, als wir am Heiligenabend zu ihm gekommen sind. Wir haben Weihnachtslieder gesungen und er hat sich sichtlich gefreut. Und SEINEN Weihnachtssalat hat er auch mit Wonne verspeist. Er hat richtig reingehauen und war während des Essens auch erstaunlich gesprächig. Meine Mutter ist nach dem Essen dann gegangen, um mit meiner Schwester und den Enkeln zuhause zu feiern.

Mein Mann und ich haben uns weiter Zeit für Papa genommen. Uns drängelte ja nichts und zudem haben wir seit Jahren allein – ohne die anderen – Heiligabend gefeiert. Jetzt, da Papa im Heim ist, kann ich Heiligabend wieder mit ihm feiern. Die Demenz hat also an diesem Punkt für mich auch irgendwie etwas Gutes, man muss es nur sehen und zu nehmen wissen. Schade war nur, dass mein Paps an diesem Tag so gekrümmt im Rollstuhl hing. Er wurde dann auch bald nach dem Essen sehr müde und wir brachten ihn dann schließlich ins Bett.

Wieder zuhause hab ich erst bemerkt, wie sehr mich dieser Weihnachtsabend, der schlechte Zustand meines Vaters und auch die Sache mit dem vermutlichen Norovirus ziemlich angefasst hatte. Ich hatte echt Angst, dass mein Vater jetzt auch den Noro bekommt. Und das bei seinem momentan so geringen Gewicht. Ja, ich war emotional wirklich mitgenommen und daher auch viel am Weinen an diesem Abend. Ich hatte Angst um den Paps, war einfach nur traurig über die Situation und die Tatsache, dass er an Weihnachten nie mehr bei uns zuhause sein wird.

Am ersten Weihnachtstag fühlte ich mich dann auch wie durch den Fleischwolf gedreht. Ich konnte nicht mehr tun, als auf dem Sofa zu hocken und zu lesen. So verging der Tag recht schnell. Am zweiten Weihnachtstag wollten wir dann den Paps wieder besuchen. Der zweite Weihnachtstag war immer unser Tag. Meine Eltern und ich haben an diesem Tag immer zusammen Kartoffelklöße mit Blaukraut und Rosenkohl gegessen. Meine Eltern essen immer noch Fleisch dazu – Gans oder Ente. Mein Mann und ich nicht.

Dementsprechend dick war daher auch Knoten in meinem Bauch, dick und schmerzhaft, denn heute wird es ein ganz anderer zweiter Weihnachtstag werden. Am Abend hatten wir uns trotzdem zu Essen verabredet. Mein Mann, meine Mutter und ich – ohne Papa. Doch jetzt ging es erst einmal zu ihm in Seniorenheim. Was erwartet uns wohl, wenn wir heute zu ihm kommen? Wie geht es meinem Paps heute? Tja, was soll ich sagen, das was jetzt kam, hat niemand von uns erwartet.

Ein Notfall

Ich möchte gerade das Haus verlassen als mein Handy klingelt. Es ist das Seniorenheim mit der Info, dass mein Vater gerade auf dem Weg ins Krankenhaus ist mit Verdacht auf Oberschenkelhalsbruch. WAS?! Geht’s denn wirklich noch schlimmer? Offensichtlich ja. Doch um kurz vorzugreifen, kein Bruch, nur eine fette Prellung. Was bin ich froh! Also ging es ab mit uns in die Klinik. Mein Mann und ich machten uns auf den Weg. Mama blieb zuhause. Sie ist für derartige Notfalleinsätze nicht gemacht und ich bin froh, meinen Mann in solchen Situationen an meiner Seite zu wissen. Ich hab gesagt, sie soll schon mal ein paar Sachen zusammenpacken und sich eventuell darauf einstellen, dass sie heute Nacht bei Papa bleiben muss, falls eine OP nötig ist. War dann ja zum Glück nicht der Fall.

Als wir in der Klinik ankamen, war mein Vater bereits untersucht und lag in der Notaufnahme in seinem Bett. Er war sehr nervös, zappelte rum und sein linkes Beim hielt er in angewinkeltem Zustand nach oben. Ausstrecken konnte er es nicht. Warum? Das konnten wir nur erahnen. Mit Sicherheit hatte er Schmerzen, es kamen aber auch die parkinsonähnlichen Verkrampfungen dazu, die in letzter Zeit häufiger bei ihm auftraten.

Ich halte deine Hand

„Hey Paps, was machst du denn für Sachen“, sage ich als ich bei ihm bin und nehme seine Hand. Und im selben Moment spüre ich, wie er beginnt, sich zu entspannen. Dann sollen wir direkt in die Radiologie zum Röntgen. Also los, mit dem Bett quer durch die Klinik und hinein in den Röntgenraum. Die Anspannung steigt. Wissen wir doch nicht, wie mein Vater beim Röntgen mitmacht. Wehrt er sich? Zappelt er rum? Aber es geht alles glatt und es sind nicht einmal Beruhigungsmittel notwendig. Unsere Anwesenheit hat genügt. Was bin ich froh. Mein Mann und ich sind einfach unschlagbar. Wir geben uns gegenseitig Halt und Sicherheit. Ich vertraue im voll und kann das dann an meinen Vater weitergeben. Ich bin mir sicher mein Paps spürt das ❤.

Wieder zurück in der Notaufnahme hält mein Vater meine Hand ganz fest. Auch als er dann schließlich einschläft. Ja, es ist kaum zu glauben, aber trotz all der Aufregung, schlief er ein. Tief und fest. Und er hielt dabei die ganze Zeit meine Hand. Wie sich die Zeiten doch ändern. Früher hielt mein Paps meine Hand um gab mir Halt. Er schenkte mir seine Kraft und seine Zuversicht und heute schenke ich sie ihm zurück. Wie ich ihn da so sehe, friedlich schlafend in seinem Bett, werde auch ich ganz ruhig. Die Situation hat so viel Versöhnliches, birgt so viel Liebe in sich, dass es mir im Nachgang Sturzbäche an Tränen in die Augen treibt.

Direkt in der Situation drin, da handelt man einfach. Versucht sein Bestes zu geben. Später, wenn du dann in einer ruhigen Minute darüber nachdenkst, stimmt es dich traurig und für einen kurzen Augenblick wünsche ich mir die alten Zeiten zurück. Doch die kommen nie wieder. Es ist wie es ist. Und dass es jetzt so ist, dass er mir und meinem Mann so vertrauen kann, sodass er mitten in der Klinik einfach einschläft, das erfüllt mich mit einer tiefen Dankbarkeit.

Aufatmen

Nachdem nun feststeht, dass mein Vater sich nur geprellt hat (wie das passieren konnte, wissen wir noch nicht, aber das klärt sich bestimmt die Tage noch), geht es mit dem Krankentransport wieder zurück nachhause – so nenne ich sein Seniorenheim mittlerweile und es fühlt sich richtig an. Als der Krankenpfleger dann meinem Paps auf der Liege hinaus zum Krankenwagen rollt, kam es noch einmal zu einer schönen Situation. Fragt mein Vater den Pfleger doch mit klaren Worten, ob ich auch mitkomme. Ich gehe hinter der Liege und mein Vater sieht mich in diese Moment nicht. „Ja, ich gehe mit dir mit“, sage ich und bin gleichermaßen erstaunt, wie berührt, dass diese Frage so klar über seine Lippen kommt.

Zurück im Heim hat mein Vater dann noch mit vollem Appetit Abendbrot gegessen. Es schien, als wäre nichts gewesen. Kann es sein, dass er die aufregende Situation am Nachmittag bereits vergessen hat? Ich weiß es nicht. Aber ich nehme es, wie es ist und bin dankbar für diesen doch noch entspannten Abend in seinem Seniorenheim. Wir sitzen noch eine Weile zusammen und als mein Vater dann als letzter in seiner Wohngruppe ins Bett gebracht wird, machen mein Mann und ich uns auch wieder auf den Heimweg. Ein aufregender Nachmittag geht zu Ende und doch bin ich dankbar für eine Reihe schöner Momente an diesem Tag, der mal wieder ganz anders verlief als geplant.

Bild von bluartpapelaria auf Pixabay 

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