61. SchĂ€tzele 💖 – Terrassengeschichten #4

Schöne Momente und tiefe Traurigkeit liegen so nah beieinander. Immer wieder wird mir das bewusst, schmerzlich bewusst. Manchmal erfĂŒllt mich diese Tatsache mit großer Traurigkeit, dann wieder hĂŒpft mein Herz vor Freude und heute, ja heute war so ein Tag fĂŒr alles. FreudenhĂŒpfer und tiefe Traurigkeit.

Gegen Nachmittag gingen mein Mann, die Hunde und ich zu meinem Vater. Er saß schon in seinem Wohnzimmer an der offenen TerrassentĂŒr und wartete auf uns. Als wir ankamen keine Reaktion, er nahm uns nicht mal wirklich wahr – oder vielleicht doch? Ich weiß es nicht. Mein Mann schob ihn im Rollstuhl auf die Terrasse und ich war damit beschĂ€ftigt die Musik – Papas Playlist – einzuschalten. Auf einmal Aufregung. „Scheiße“, sagt Papa. Recht hat er, denn hinter seiner Brille hat sich eine Wespe verirrt. GeistesgegenwĂ€rtig nimmt ihm mein Mann die Brille von der Nase und die Wespe schwirrt davon, ohne Schaden angerichtet zu haben.

Oh Mann, das hĂ€tte auch ins Auge gehen können, denke ich und setzte meinem Paps die Brille wieder auf. NatĂŒrlich nicht ohne ihm vorab zu sagen, was ich tue. Das ist so wichtig, denn ich finde es respektlos, wenn man ihm einfach die Brille ins Gesicht knallt. Dann setze ich mich zu ihm, streichle ihm ĂŒber seine abgemagerten und kraftlosen Beine, er schaut mich an, ein LĂ€cheln huscht ĂŒber sein Gesicht und er sagt „Hallo SchĂ€tzele“ 💖 
. SchĂ€tzele, das hat er immer zu uns gesagt. FrĂŒher schon, als er unsere Namen noch kannte, und spĂ€ter, als ihm unsere Namen bereits entglitten waren, machte er das auch. FĂŒr mich heute ein Herzsprung-Moment, denn SchĂ€tzele hatte ich schon lange nicht mehr von ihm gehört.

Den ganzen Nachmittag ĂŒber war er sehr gesprĂ€chig. Mit Micha hat er viel geplappert. Als ich mit einem Pfleger sprach und wir ĂŒber die frĂŒhere Arbeit meines Vaters sprachen, sagte ich: „Gell, Paps, du warst mal ein hohes Tier.“ Und ein breites, stolzes Grinsen zeigte sich in seinem Gesicht. Ja, er war ein hohes Tier und jetzt sitzt er hier, mit seinen knapp 73 Jahren im Rollstuhl, inkontinent, das Essen muss ihm gereicht werden und die Sprache ist ihm auch verloren gegangen. Wusch. Mit voller Wucht holt es mich wieder zurĂŒck in die RealitĂ€t.

Steigende Fallzahlen

Ich lege ihm die Hand auf den Unterarm und lĂ€chle ihn an – mit meinen Augen, denn den Rest von meinem Gesicht sieht er ja dank Maske nicht. Und er lĂ€chelt zurĂŒck. FĂŒr den Moment bin ich glĂŒcklich. Im nĂ€chsten Moment schweifen meine Gedanken davon und mir wird schmerzlich bewusst, wie kostbar diese Momente der NĂ€he sind. Nicht nur nach dem langen Lockdown und nicht nur in dem Bewusstsein, dass das hier jetzt wirklich der letzte Lebensabschnitt meines Vaters ist. Auch in dem Bewusstsein, was gerade auf der Welt passiert. So viele Menschen, die Urlaub machen, die das Virus in Umlauf bringen, steigende Fallzahlen als Folge und fĂŒr uns die steigende Gefahr, dass diese schönen Momente der NĂ€he, unsere vielleicht letzten Moment der NĂ€he, bald wieder vorbei sein könnten. Warum? Weil der Mensch nicht verzichten kann, weil sein Egoismus ihn hinaustreibt in die Welt: ICH MUSS URLAUB MACHEN. Hey, kann ich da nur sagen: Warum könnt ihr nicht einmal verzichten? Ihr gefĂ€hrdet mit eurer „Ich brauche aber einmal im Jahr Urlaub im Ausland“-MentalitĂ€t den vulnerabelsten Teil unserer Gesellschaft und setzt damit nicht nur unsere wenigen schönen und so wertvollen Momente der NĂ€he aufs Spiel. Das macht mich traurig. Doch meinen Paps lĂ€chle ich an und bin einfach nur glĂŒcklich, dass dieses einstmals hohe Tier mich heute SchĂ€tzele genannt hat.

SelbsterfĂŒllen Prophezeiung

Dann bringt der Pfleger das Essen, nun dĂŒrfen wir Angehörigen meinem Paps das Essen reichen. Seit kurzem ist das wieder möglich, fragt sich nur wie lange noch. Heute ĂŒbernehme ich die Essensgabe und schwupp, hat der Papa sich verschluckt. Das war wohl mal wieder die selbsterfĂŒllende Prophezeiung. Ich bin nĂ€mlich sehr unsicher dabei, ihm das Essen zu reichen. Habe Angst, dass er sich verschluckt. Und was passiert. War nicht schlimm, ich hatte ihm die Medikamente ins Essen gegeben und dabei hat es wohl ein bisschen im Mund gestaubt. Ja, Shit. Ich allerdings war so erschrocken, dass mein Mann weitermachen musste. Der ehemalige Altenpfleger-Zivi macht das viel routinierter als ich. Ein bisschen Ă€rgere ich mich, dass ich so unsicher und Ă€ngstlich bin. Dann bin ich mir aber schnell nicht mehr böse, denn mein Paps hat mir all diese Ängste implantiert. Diesen Schuh muss er sich anziehen. Tja, und ich muss damit leben. Ich bin quasi tagein tagaus damit beschĂ€ftigt Ängste zu ĂŒberwinden, fĂŒr die mein Paps aufgrund seiner hĂ€ufig ĂŒbertriebenen FĂŒrsorge die Basis in mir gelegt hat. Aber ich bin auch ihm nicht böse, macht mich doch diese immer wiederkehrende Herausforderung stĂ€rker und stĂ€rker. Wie kann ich ihm auch böse sein, hat er doch alles aus Liebe getan. Er wollte mich beschĂŒtzen. Und das hat er auch immer gemacht. Und darĂŒber bin ich froh, denn er war immer mein RĂŒckzugsort, meine Festung, die mir Sicherheit gab in schwierigen Situationen. Heut versuche ich ihm diese Bastion zu sein und das mit dem Essen reichen muss ich eben noch ein bisschen ĂŒben 😉.

Letzte Etappe

Nach dem Essen zog mein Vater dann immer wieder die Nase hoch. Das macht er schon ein Leben lang. Wenn ein bisschen Schleim irgendwo dahinten hockt, dann muss der erst hochgezogen und dann rausgehustet werden. Heute hatte mein Paps keine richtige Kraft den Schleim abzuhusten und mich ĂŒberkommt auf einmal die blanke Angst. Je weiter der Alzheimer fortschreitet, umso schwieriger wird das Schlucken (mein Paps bekommt schon passierte Kost) und umso schwieriger wird auch das Abhusten. Ein kleiner Infekt, kann da dann schon das Todesurteil sein. Eine Erkenntnis, die mir TrĂ€nen in die Augen treibt und die Kehle zuschnĂŒrt. Mein Herz ist schwer. Und was macht Papa, er lacht mich an und schein glĂŒcklich, dass wir bei ihm sind. Da gibt mir so viel und treibt meine Sorgen und Ängste davon. Ja, mein Paps ist krank und ja, er muss vermutlich bald sterben. Aber heute, heute noch nicht. Heute sitzen wir gemeinsam auf seiner Terrasse und genießen einen der wahrscheinlich letzten warmen Sommertage des Jahres, erzĂ€hlen uns Geschichten von frĂŒher, lachen und leben im Moment – unserem Moment des kleinen, wertvollen GlĂŒcks. Unser Zusammensein. Ich liebe dich Paps und hoffe darauf, dass uns noch viele solcher Momente vergönnt sind. Vielleicht haben wir ja GlĂŒck


Foto: shutterstock.com/africa studio

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