Moment der Freude

80. So eine Freude, dass wir beisammen sind

Von so vielen höre ich in Zusammenhang mit Demenz und Alzheimer oft nur Worte des Verlustes, des Abschieds und der Trauer. Wie in einer Endlos-Spirale zieht es manch einen nach unten. Unfähig das schöne im Moment zu entdecken, weil so unsagbar tief in dieser hilflosen Traurigkeit gefangen.

Von Anfang an, seit dem Tag, da es unweigerlich feststand, dass mein Vater Alzheimer hat, habe ich mich gegen diesen Strudel, der alles mit in die Tiefe zieht, gewehrt. Ich hab mich ihm trotzig entgegen gestellt: MIT MIR NICHT!

Dabei gab es nicht wenige wirklich dunkle Momente in dieser Zeit

Ein Vater, der in seiner Krankheit nach mir schlug. Ein Vater, der über seine Krankheit einfach nicht sprechen wollte, der sich vor ihr wegduckte. Sprach man ihn darauf an, endete es im Streit oder er tat einfach so, als ob er es nicht hörte. Ich als sein Kind – auch wenn ich schon lange erwachsen war, eine eigene Familie hatte und als selbständige Unternehmerin meinen Lebensunterhalt bestritt – traute mich nicht, ihn darauf anzusprechen, ihn, das Oberhaupt unserer Familie, ihn, der immer die Richtung vorgab, in die wir als Familie marschierten. Ich traute mich nicht. Aus Angst vor der Reaktion. Rückhalt von Schwester und Mama hatte ich auch nicht. Die zwei trauten sich noch weniger als ich.

Ein Vater, vor dem ich – als die Alzheimer schon etwas weiter vorangeschritten war – nicht nur einmal davongerannt bin, weil er soooo wütend war und um sich schlug, dass es hätte wirklich böse ausgehen können. Im Bad hab ich mich versteckt. Die Türe mit aller Kraft zugehalten, an der er von außen zog. Hätte er es geschafft reinzukommen, ich weiß nicht, was passiert wäre.

Ich bin nicht dazu bereit, nur das Dunkle zu sehen

Dennoch ließ ich mich nicht hinunterziehen in diese Strudel. Ich spürte die Traurigkeit. Natürlich tat ich das und tue es noch immer. Aber ich lies es nicht zu, dass sie mich mit sich riss. Stattdessen nahm ich die Situation an, lernte damit umzugehen und kam meinem Vater dabei näher als je zuvor. Die Körperpflege, bei der die Aggressionen am häufigsten Auftraten übernahm ich einfach. Ich tat es, ohne groß darüber nachzudenken und wenn ich mich ganz auf seine aktuelle Situation einließ, wenn ich versuchte, mit seinen Augen zu sehen, seine Position zu verstehen, dann kam es zu kaum oder keinen Aggressionen und wir schafften auch diesen Part des Tages mit einem guten Gefühl.

Zwei, drei Jahr zuvor, hätte ich mir nicht vorstellen können, dass ich irgendwann einmal die Körperpflege meines Vaters übernehmen würde. Jetzt machte ich einfach und trotz all dem Stress und den Fesseln der Krankheit, schafften wir es, auch diese Momente mit einem kleinen bisschen Freude zu füllen. Denn ohne Zweifel, frisch gewaschen fühlte sich auch mein Vater wohler. Das reflektierte er dann und es erfüllte mich mit Freude.

Kleine Moment, die Großes bewirken

Seit mein Paps nun im Heim lebt, haben sich die Themen und Schwerpunkt verlagert. Heute kann ich mich mehr denn je darum kümmern, mit meinem Vater schöne Momente zu erleben. Dabei plane ich niemals ein großes Programm, wenn ich zu ihm komme. Es sind vielmehr die Kleinigkeiten, die uns schöne Moment bescheren.

So habe ich zum Beispiel von der lieben Jeanette ihre Geschichtenwerkstatt to Go geschenkt bekommen. Einfach so. Ist das nicht toll. Diese Geschichtenwerkstatt habe ich dann mal mit zu meinem Papa genommen. In der Geschichtenwerkstatt to Go sind viel Bilder und Motive aus früheren Zeiten enthalten. Jedes Motiv, jedes Bild dient dabei sozusagen als Türöffner für Erinnerungen, Gedanken und Geschichten. Da mein Papa nicht mehr viel spricht, hatten wir beide (Jeanette und ich) nicht viel Erwartung daran, dass er irgendeine Geschichte aufgrund der Bilder erzählt. Trotzdem wollte ich es versuchen.

Und dann geschah etwas ganz Wunderbares. Eines der Bilder. Ich glaube, es war ein Kind mit Schultüte, hielt mein Paps lange in der Hand und schaut es eindringlich an. Nach einiger Zeit begann er zu erzählen. Dieses Bild hat ganz offensichtlich Erinnerungen geweckt, von denen er mir erzählte. Dabei wurde sein Gesicht immer freudiger, die Haltung immer entspannter, er lächelte, die Augen glänzten und er erzählt und erzählte … wirklich verstanden hab ich nicht was er sagte, aber das war auch egal. Mein Papa und ich entschwanden in unsere ganz eigene Kommunikationswelt, ja, wir tauschten uns aus, es war ein Geben und Nehmen. Welche Worte wir dabei wählten, das war eigentlich egal. Wir waren intensiv in Verbindung. Genau das ist es, das Schöne trotz und mit dieser Krankheit. Das ist so ein Moment der Freude für mich.

Mein Moment der Freude

Ich nehme die Geschichtenwerkstatt to Go ab und an mit ins Heim und es passiert immer und immer wieder. Bei einigen Bilder erzählt er, andere lösen nichts in ihm aus. Aber so hat eben  jeder seine eigene Geschichte, die er erzählen kann.

Und neulich, das wurde einer meiner Besuche von einem weiteren Moment der Freude gekrönt. Bilder hatte ich diesmal keine dabei. Aber unsere Musik, die lief wie immer im Hintergrund und wir summten ein bisschen dazu. Ich singe sogar manchmal mit – meine Mutter möchte dann immer, dass ich leise bin, damit ich die anderen nicht störe. Ich singe trotzdem, denn ich denke, die anderen mögen das auch. Es hat sich noch nie jemand beschwert.

Was ich aber eigentlich sagen wollte … Inmitten dieser entspannt musikalischen Stimmung, wir redeten gerade nicht und ich hab auch nicht gesungen. Wir lauschten nur der Musik. Da sage mein Vater plötzlich in klaren und deutlichen Worten

„Wir zwei … schön, dass wir heute beieinander sind.“

Ich traute meinen Ohren kaum und antwortete: „Ja Papa, das finde ich auch“ … wir lächelten uns an und mein Herz hüpfte. Was für ein Moment der Freude!

Bildquelle: pixabay.com

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