79. Alles wird gut!

Ich erinnere mich noch genau, wie Nina Ruge ihre „Leute heute“-Moderation immer mit den Worten „Alles wird gut!“ beendete. Mich haben diese Worte nicht nur beeindruck, sie haben mich auch beflügelt. Sie gaben mir so eine positive Grundstimmung mit. Alles wird gut. Doch: wird es das wirklich?

Wenn ich mich aktuell so in der Welt umblicke, dann habe ich so ganz und gar nicht den Eindruck, dass alles gut wird. Eher im Gegenteil. Eine erneute Corona-Welle bricht über uns herein. Omikron. In der Ukraine brodelt es. Der Russe droht damit uns den Gashahn abzudrehen. Und zu allem Überfluss wurde eine Kollegin meines Mannes heute auch noch positiv auf Corona getestet. Das bedeutet für mich erst mal keine Besuche mehr bei Papa – bis auf Weiteres.

Dankbar sein

Doch eine innere Stimme sprich zu mir „alles wird gut.“ Und ich möchte daran glauben. Ja, ich glaube daran, ich bin sogar davon überzeugt. Think Pink, alles wird gut oder bleib zuversichtlich – das ist bei mir zur Lebenseinstellung geworden. Vermutlich war sie das schon immer. Doch erst jetzt, wo ich Jahr um Jahr mit immer neuen, größeren Problemen und Schicksalsschlägen konfrontiert bin, wird mir bewusst mit wieviel Zuversicht oder nennen wir es auch Resilienz ich ausgestattet bin

Dafür bin ich sehr dankbar. Woher das auch immer kommt, es lässt mich im Leben besser bestehen. Ich bin und bleibe zuversichtlich. Vor ein paar Tagen noch, war ich bei meinem Papa. Als ich hereinkam lächelte er mich direkt an. Dieses Lächeln gehört zu den kleinen Dingen und Momenten, die mir Zuversicht geben, die mich glauben lassen: Alles wird gut!

Momente genießen

Oder dieser eine Moment, wenn mein Paps mir irgendetwas erzählt und ich in seinem Gesicht erkennen kann, das er gerade einen Schabernack im Schilde führt und dann lacht er herzlich und ich lache mit. Keine Ahnung, was er gerade gedacht hat, was in seinem Kopf oder auch in seiner Realität vorging, aber ich sah den alten Schelm in ihm, der immer zu sehen war, wenn er etwas ausheckte, denn mein Paps war schon immer ein schlechter Lügner und leicht durchschaubar. Wie bei mir stand und steht in seinem Gesicht, was er gerade denkt oder fühlt.

Wobei, vielleicht war ich ja nur gut darin ihn zu durchschauen. Und da erinnere ich mich an ein ganz besondere, lustige Situation von früher, wenn Papa, Mama, meine Schwester und ich Monopoly spielten. Papa war ein alter Schummler. Er hat geschummelt, wo er konnte. Keiner hat’s bemerkt. Ich hätte ihn auch nicht durchschaut, wäre da nicht diese eine kleine Veränderung in seinem Gesicht erkennbar gewesen, dieses verkrampfte „ich will nicht grinsen“-Grinsen, das keiner bemerkt hat, nie. Nur ich. Und immer dann habe ich meinem Paps gegen sein Schienbein getreten und Schweigegeld verlangt. Also haben wir fortan gemeinsam geschummelt. Papa aktiv und ich passiv.

Tiefs durchschreiten

Natürlich könnte ich mich nun, das ich das alles nicht mehr haben kann, der Verzweiflung ergeben. Und ja, es gibt im Zusammenhang mit Demenz so viele Momente der Verzweiflung. Denke ich zurück an die Zeit, als mein Papa zweimal über Wochen, sogar Monate in der Gerontopsychiatrie war. Diese Erfahrungen wünsche ich niemanden. Wie er da so lag in seinem Bett. Fixiert an Händen, Körper und Beinen. Ruhiggestellt mit Medikamenten. Ein Anblick, den ich nie vergessen werde. Ein Moment tiefster Verzweiflung und des Gefühls der Hilflosigkeit und des Alleinseins. Doch wenn ich die Augen öffnete, sah ich zahlreiche Menschen und Familien dort in der Gerontopsychiatrie in ähnlichen Situationen. Wir sind nicht allein. Kein Einzelfall. Und die Medizin ist ratlos.

Doch muss ich das auch sein. Ratlos? Gibt es nicht andere Möglichkeiten, den Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen zu helfen. Und ja, ich schau mich um und sehe immer mehr Hilfsangebote. Klar, vermutlich längst nicht genug. Aber sie sind da. Und man darf diese Menschen und ihre Angebote als Angehöriger um Hilfe bitten. Geh raus aus deinem stillen Kämmerlein. Du bist nicht allein und auch nicht allein für alles verantwortlich. Es gibt Menschen und Angebote da draußen, die dir in deiner Situation mit einem neutralen Blick von außen helfen können. Wende dich an deine Gemeinde. Fast überall gibt es sogenannte Demenz-Netzwerke oder ähnliches. Vielleicht gibt es in deiner Region auch Angehörigen-Gruppen. All das kann dir helfen und gibt dir Zuversicht, gibt dir die Chance darauf, wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen und zu erkennen. Alles wird gut – alles ist gut.

Die Entscheidung liegt IN dir

Am Ende (oder auch am Anfang) liegt es an dir, liegt es IN dir. Dich für die Verzweiflung und das Verharren in deinem Kämmerlein zu entscheiden. Oder für die Zuversicht und den festen Glauben daran, dass alles gut wird – dass alles gut ist.

Ich habe die Wahl: Erinnere ich mich an diese schöne Zeit mit meinem Papa. Freue mich, dass ich diese Dinge und Momente mit meinem Paps erleben durfte, oder bin ich traurig. Sehe ich meinen Papa als kranken Menschen in seiner Welt gefangen oder mache ich mich auf in diese Welt und bin bereit dafür die vielen schönen Dinge und die tiefen Gefühle, die Momente der Nähe und auch des Glücks zu entdecken. Wohl wahr ist es ein anderes Glück, wenn ich mit meinem Papa so wie früher Berge erklimme und lange Wanderungen mache, mit im fachsimple oder auch mal über Ängste und Sorgen rede. Ja, das alles ist nicht mehr möglich.

ABER so viel Anderes, Schönes, Bereicherndes ist möglich. Ein gemeinsamer Nachmittag in seinem Garten, ein schönes Lied, das wir gemeinsam hören und zu dem wir zusammen Schunkeln, sein herzliches Lachen, wenn ich ihn besuche oder eben dieser Schalk im Nacken, der sich immer mal wieder bei ihm zeigt.

Und da ist sie nun ganz klar und deutlich vor mir, meine Wahl für die Zuversicht. Die Zuversicht, dass alles gut wird oder es vielleicht sogar schon ist. Du musst nur genau hinschauen – mit deinen Augen und noch viel intensiver mit deinem Herz.

(Diesen Beitrag veröffentliche ich im Rahmen der Demenzmoment-Blogparade.)

Bild von Kathleen Bergmann auf Pixabay

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