5. Wie konnte ich dir das nur antun?

„Da steh ich nun ich armer Thor und bin so klug als wie zuvor.“ Heute war definitiv der schrecklichste Tag meines Lebens. Doch ich befürchte, es kommt noch schlimmer. Vor zwei Tagen haben wir unseren Vater in die Klinik gebracht, damit er wegen seiner fortschreitenden Alzheimer, in deren Verlauf er mehr und mehr Aggressionen zeigt, medikamentös neu eingestellt wird. Als wir ihn am Montag in die Klinik brachten, stand er zwar neben sich, war aber noch gut zu Fuß und fröhlich. Gestern lief er bereits leicht nach vorne gebeugt und sprach mit schwerer Zunge. Heute lag er mit Medikamenten ruhig gestellt im Bett und röchelte völlig apathisch vor sich hin. Zuvor hatte er während einer Untersuchung so sehr gewütet, dass er sogar einen Pfleger verletzt hat.

Was ist das für ein Leben?

Mir dreht sich alles. Wir, seine Familie, haben ihn dorthin gebracht, weil wir zuhause mit der Krankheit nicht mehr klarkommen. Jetzt sitze ich hier in meinem Bett, tippe diese Zeilen und fühle mich wie ein Versager. Wir sind mit völlig falschen Vorstellungen an die Sache herangegangen. Wir haben uns eine Verbesserung erwartet. Stattdessen konfrontiert man uns jetzt mit Entscheidungen über Fixation und Wiederbelebungsmaßnahmen. Drei Tage sind verstrichen, an allen drei Tagen war ich in der Klinik bei ihm und heute habe ich das Gefühl, dass auch ich einen Psychologen brauche.

Ratlos sitzen wir am Abend beisammen, zuhause an unserem Tisch, und blicken ins Leere. Ich frage mich: trage ich Schuld? – doch für was eigentlich? Ich kann doch nichts für diese Krankheit und die damit verbundene Aggression. Aber das jetzt – das ist einfach menschenunwürdig. Doch rausholen, das geht auch nicht, sagt mein Kopf. Nach stundenlangen Gesprächen haben wir uns dazu entschlossen, wir geben dem Ganzen noch eine Chance. Ein paar Tage sehen wir noch zu, bleiben im Austausch mit den Ärzten und warten ab. Die Ärzte können ja eigentlich auch keine Vollstümper sein. Doch menschenunwürdig ist das, was da passiert, und lange halte ich das nicht aus. Wie mag es meinem Vater dabei nur gehen? Ein mehr als unerträglicher Gedanke.

Du schaffst das! Wir schaffen das…

Ich habe ihm heute den Arm gestreichelt und zum ihm gesagt: „Du schaffst das. Du bist doch ein alter Kämpfer!“ Seine Antwort war klar und deutlich: „Ja, ja“. Traurig verlasse ich sein Zimmer, fühle mich schuldig und frage mich: „Wie konnte ich dir das nur antun?“ Doch ich sehe keine Alternative. Ich werde wütend. Scheiß Alzheimer verpiss dich, du hast in unserem Leben nichts verloren. Das ist es, was ich gerne lauthals schreien würde. Doch da ist sie nun mal, diese scheiß Alzheimer, mitten in unserem Leben – sie nimmt ihm und damit auch uns alles. Und doch müssen wir da durch.

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