72. Ein Abschied und ein Wiedersehen

Nach 14 Tagen Quarantäne war ich endlich wieder meinen Papa besuchen. Mit Grummeln in der Magengrube lief ich hinein ins Heim. Erst einmal zum Test. Dann 15 Minuten warten. Die Aufregung wächst. Wird er mich wiedererkennen? Dann gibt es grünes Licht. Mein Corona-Test ist negativ und ich darf zu ihm. Juchuuuu…

Da sitzt er auch schon mein Paps. Freudig laufe ich auf ihn zu und begrüße ihn lauthals. Wir sind allein im Besucherzimmer, wie schön. Ich kann meiner Plappergosch freien Lauf lassen. Papa blick auf, braucht kurz ein, zwei Sekunden und dann lacht er mich an. Mein Herz macht kleine, große Freudensprünge. Gut sieht er aus, kein Vergleich zu seinem Zustand Ende 2020, als wir um sein Leben bangten. Und das Beste: Er erkennt mich. Durchatmen.

Augen auf, Musik an

Ich setze mich zu ihm und beginne zu erzählen. Frage ihn, wie es ihm geht und er antwortet: „Gut.“ Dann hole ich den kleinen Bluetooth-Lausprecher raus und schalte unsere Musik ein. Sofort erhellt sich seine Mine und er klopft mit den Händen auf seine dünnen Oberschenkel im Takt. Wie zerbrechlich er aussieht. Kaum mehr Muskulatur in den Beinen und dabei strahlt sein Gesicht wieder so viel Stärke aus. Ich nehme seine Hand und wir schaukeln zusammen eine Weile unsere Hände zu den Klängen der Musik. Ich überlasse ihm die Führung, wie früher beim Tanzen. Da haben wir zusammen das Tanzbein geschwungen. Heut tun wir dasselbe, eben mit den Händen.

Viele neue Gesichter

Auf einmal schweift sein Blick nach draußen. „Kennst du den?“, fragt er mich. Huch, wen soll ich kennen? Ich dreh meinen Kopf in die Richtung, in die mein Papa blickt. Ach den. Draußen im Flur steht ein junger Pfleger. Offensichtlich ein neues Gesicht. „Nein, den kenne ich nicht. Du wohnst doch hier, den müsstest du doch viel besser kennen als ich“, sage ich und Papa lacht. Offensichtlich gibt er mir Recht.

Insgesamt treffe ich im Pflegeheim immer häufiger auf neue Gesichter und höre auch davon, dass die eine oder andere Pflegekraft, den Job an den Nagle gehängt hat. Insgeheim kann ich das verstehen. Beim Gedanken daran wird mein Herz trotzdem schwer, denn für die alten und pflegebedürftigen, vor allem für die dementen Bewohner ist der ständige Wechsel der Bezugspersonen nicht leicht zu verkraften. Immer wieder neue Gesichter, an die man sich gewöhnen muss.

Und dann passieren so Sachen wie bei meinem Besuch, denn Papa sitzt zum einen im falschen Rollstuhl, zum anderen hat er die falschen Schuhe an. Ich gebe den Pflegekräften Bescheid, dass sie dieses Durcheinander doch bitte wieder in Ordnung bringen, wenn ich nachher gehe, und treffe dabei wieder auf ein mir unbekanntes Gesicht. Eine freundliche Pflegekraft, die (wie sie mir erzählt) erst seit Januar im Heim arbeitet und hauptsächlich am Wochenende da ist.

Doch außer der Frage, ob ich den Typ 😊 im Flur kenne, scheint mein Vater auch mit diesem Wechsel innerhalb der Heim-Mitarbeiter ganz gut zurecht zu kommen. Ohnehin sieht er am Tag meines Besuches sehr gut aus. Und auch an den folgenden Tagen, an denen meine Mutter ihn besucht, macht mein Paps einen guten und entspannten Eindruck. Eine Tatsache, die uns nach diesen langen Corona-Monaten und den damit verbundenen Einschränkungen und Entbehrungen mit großer Dankbarkeit erfüllt.

Herzmomente

Und dann kommt es wieder zu einem dieser Herzmomente, als mein Vater, quasi aus dem nichts den Kopf hebt, mich anschaut und sagt: „Ach, Tani, Tani, Tani.“ „Ja, Papa, die Tani, das bin ich.“ Unter meiner Maske lache ich ihn an, während es mir die Freudentränen in die Augen treibt. Schnell schlucke ich den dicken Freunden-Klos runter, nehme die Hand meines Vaters und wir strahlen uns an…

Das war wieder mal ein schöner Besuch bei meinem Papa. Doch Freude und Trauer liegen so nah beieinander. Das wird mir ein paar Tage schmerzlich bewusst, als ich erfahre, dass der Zimmer-Mitbewohner meines Vaters in der Nacht verstorben ist. Er war im Januar an Corona erkrankt und hat sich davon wohl nicht mehr erholen können. Mein Vater hat sich nicht angesteckt. Nochmal ein Grund dankbar zu sein…

Heute geh ich. Komm ich wieder,
Singen wir ganz andre Lieder.
Wo so viel sich hoffen lässt,
Ist der Abschied ja ein Fest.

Johann Wolfgang von Goethe

Immer wieder Abschied nehmen

Ich komme ins Grübeln. So viele Menschen, Mitbewohner meines Paps, sind bereits gestorben, seit er in dieses Pflegeheim eingezogen ist. Da war die Frau, die meinen Hund Herta liebte und immer mit ihr spaziere gehen wollte. Oder die, die mich jedes Mal, wenn wir nachhause gingen, daran erinnerte, auch ja meinen Hunde wieder mitzunehmen. Sie mochte Hunde offensichtlich nicht so gern. Ich fand das immer sehr lustig. Und auf einmal ist sie nicht mehr da. Oder der alte Mann, der mit seinem Rollator noch so flott unterwegs war, eigentlich noch recht gut orientiert. Von einem Tag auf den anderen, gestorben, einfach weg. Und jetzt auch der Zimmerkollege meines Paps. Einfach gegangen. Über Nacht.

Was ist das? Ist das normal im Alter? Oder ist es dieses Krankheit Alzheimer. Sterben die Menschen damit anders, schneller, langsamer? Von einem Tag auf den anderen, scheint sich für die meisten das Blatt zu drehen. Und wieder einmal wird mir bewusst, das Pflegeheim ist die letzte Lebensstation, auch für meinen Paps.

Bei dem Gedanken erstarre ich. Nehme mir dann aber meine Hunde zum Vorbild und schüttele mich – innerlich versteht sich. Ich schüttele all die traurigen Gedanken weg und öffne mein Herz für die Dankbarkeit. Ich bin dankbar, dass mein Paps noch da ist, bei uns, dass ich seine Hand halten kann und ihn zwischendurch (selbstverständlich mit Maske) auch mal wieder in den Arm nehmen kann. Dafür bin ich dankbar und bin mir dennoch immer darüber bewusst, dass auch ihn, dass auch uns der Tod täglich ereilen kann. Aber warum lässt uns der Tod denn so erschauern? Warum macht er uns solche Angst? Er gehört doch ganz einfach zum Leben dazu. Ganz einfach? Nein, einfach ist es nicht. Doch der Tod sollte uns auch nicht erstarren lassen. Eines Tages werden wir alle sterben, soviel ist mal klar, aber an all den anderen Tagen nicht.

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