Terrassengeschichten #2

Ich bin so froh, dass das Seniorenheim meines Vaters eine so gute Besucherregelung gefunden hat. Trotzt Corona, Mundschutz und Mindestabstand von 1,5 Metern laufen die Besuche bei meinem Vater immer sehr schön für beide Seiten ab. Natürlich nur wenn er wach ist. Aber das hat ja nichts mit den Hygienevorschriften zu tun. Mein Vater ist aufgrund seiner fortgeschrittenen Alzheimer eben manchmal sehr müde und verschläft auch über den Tag ein paar Stunden. Blöd, wenn er gerade dann schläft, wenn wir uns für einen Besuch angemeldet haben. Auch weil man aufgrund der Hygienevorschriften und Besuchsregelungen nicht einfach am nächsten Tag nochmal kommen kann, denn da ist die Besucherliste meist schon voll. Es darf ja nur eine bestimmte Anzahl täglich ins Heim.

Doch wenn er dann, wie bei unserem Besuch am Wochenende, hellwach ist und dazu auch noch super aufnahmefähige, dann steht einer wunderbaren gemeinsamen Zeit nichts im Weg. Klar, möchte ich ihn, wenn es ihm so gut geht wie am Wochenende, am liebsten in den Arm nehmen. Und dann sitze ich auf eineinhalb Metern Abstand da und muss mich fast selbst festbinden, dass ich es nicht einfach tue. Doch ich mach es nicht und es ist trotzdem gut. Ich halte mich an die Regeln, um ihn und seine Mitbewohner nicht zu gefährden und das fühlt sich richtig an.

Draußen ist es halt am Schönsten

Hatte ich schon gesagt, dass am Wochenende bei unserem Besuch im Seniorenheim ein guter Tag war 😉 ? Zudem war super Wetter. Sonnenschein (eigentlich waren Gewitter angesagt, die haben sich zum Glück verzogen), 28 Grad und so saßen wir also auf der Terrasse vor dem Zimmer meines Vaters im Schatten. Bei schlechtem Wetter finden die Besuche in einem Innenraum satt. Ein schöner Raum, im sogenannten Wintergarten mit viel Glas und vielen grünen Pflanzen. Doch auf seiner Terrasse ist es viel, viel schöner und auch privater. Wobei ich glaube, dass man mein Geplapper, denn ich rede viel, immer … auch noch weiter weg hören kann. Aber das ist mir egal, solang sich niemand anderer daran stört. Ich bin einfach nur froh, dass diese Terrassenbesuche jetzt im Sommer möglich sind, wenn das Wetter mitspielt und der Papa wach ist.

Mein Paps lachte schon, als er uns kommen sah. Der Pfleger schob ihn in seinem Rollstuhl gerade aus dem Zimmer auf die Terrasse. Heute hat mein Vater auch zum ersten Mal unseren Fritzle, unseren Neuankömmling, ein 4 Monate alter Hundewelpe, richtig wahrgenommen. Fritzle wuselte über die Terrasse hin und her und mein Vater mit dem Blick immer an ihm dran. Dann schaute mein Vater unsere Herta an. Unser zweiter Hund, acht Jahre alt. Sie kennt er noch von zuhause und das hat er uns dann auch mit seiner Gestik, Mimik und ein paar Wortfetzen zu Verstehen gegeben. Er zeigte auf Herta und machte uns klar: die kenne ich gut. Und er lachte dabei. Mein Herz hat kleine Luftsprünge gemacht.

Daddy cool mag Musik und hat Hunger

Dann hatte ich dummerweise mein Handy vergessen, auf dem die Playlist mit den Liedern meines Vaters drauf ist. Also bat ich meinem Mann doch einfach seine Playlist abzuspielen. Ohje, das war nix. Der Gesichtsausdruck von meinem Paps sprach Bände. Also ging der Auftrag an den Ehemann: Such bitte Lieder von Boney M. Gesagt getan und siehe da, den Paps freuts. Als unser Lieblingslied „Daddy cool“ lief klopfte Paps erfreut auf die Schenkel im Takt der Musik.

Dann gab es Essen und die Pflegerin setzte sich zu uns. Eine von den Lieblingspflegerinnen meines Vaters (ich mag sie auch sehr gern), und direkt huschte ein freudiges Lachen über sein Gesicht, als sie sich zu uns setzte. Es war eine Wonne ihm zuzuschauen, mit was für einem großen Appetit er aß. Wenn ich daran denke, wie schlecht es ihm erst kürzlich ging, und dann diese Bild jetzt. Das bedeutet Glück für mich. Ein kleines Glück von außen betrachtet. Ein großes Glück für meine Seele und mein Herz.

Und dann diese eine Situation. Die Pflegerin sprach natürlich mit uns. Wir sitzen ja nicht stumm beieinander. Daher versorgte sie meinem Paps wohl etwas zu langsam mit dem Essen – in seinen Augen. Also klapperte er die Lippen aufeinander und leckte sich mit der Zunge über die Lippen, streckte die Hand in Richtung Essen aus und fuchtelte eine wenig mit den Fingern. Die Botschaft war eindeutig. Mach mal ein bisschen schneller mit dem Essen, meine Liebe. Wir alle haben darüber herzlich gelacht. Und er auch wieder, als er die nächste Ration Essen im Mund hatte. Zwischenzeitlich zeigt sich sein guter Appetit auch auf der Waage. Mein Paps nimmt endlich wieder zu. Zwar in kleinen Schritten, aber er nimmt zu.

Immer wieder geht die Sonne auf

Nach eineinhalb Stunden und einem wunderschönen, entspannten, fröhlichen und herzerwärmenden Sommernachmittag auf der Terrasse meines Vaters haben wir dann glücklich den Heimweg angetreten. Papa hat zwischenzeitlich schon zweimal entspannt gegähnt. Er war müde und sah sehr zufrieden aus. Terrassengeschichte #2 war also wieder einmal ein voller Erfolg für beide Seiten trotzt Corona, trotzt eingeschränkter Besuchsmöglichkeiten und lästiger Hygienevorschriften. An die Masken haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Zumindest geht es mir so. Und ich habe auch den Eindruck, sie stören meinen Vater nicht. Er erkennt uns trotzdem.

Wieder einmal kann ich nur Danke sagen, danke an das tolle Heim meines Vaters, die wunderbaren Pflegekräfte, die sich liebevoll um ihn kümmern. Ohne sie, wäre all das in diesen verrückten Zeiten nicht möglich und so freuen wir uns auf weitere schöne Terrassengeschichten trotzt Alzheimer und trotzt Corona. Das Leben ist schön, wenn man es nimmt, wie es eben ist 💓 … denn immer, immer wieder geht die Sonne auf.

Terrassengeschichte #1 könnt ihr übrigens hier lesen, wenn ihr mögt. 

Bild von Tien Vu auf Pixabay

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