41. Es ist gut so

Knapp vier Wochen sind verstrichen. Vier Wochen seitdem mein Vater in ein Seniorenheim umgezogen ist. Und wie ich diesen Satz schreibe, wird mir wieder einmal klar, was das bedeutet. Er hat Alzheimer, ist krank, inzwischen sehr krank und er wird nie wieder nachhause kommen. Im Nu überfällt mich ein Traurigkeit, die mir schier das Herz aus dem Leib reißt und doch weiß ich: Es ist gut so, wie es ist.

Ich schlucke meine Tränen runter und richte den Blick auf die schönen Dinge. Und siehe da, die Sicht klart sich auf, denn es ist tatsächlich so, dass wir ein wirklich tolles Heim für meinen Vater gefunden haben. Egal wann ich meinen Vater besuche, ich treffe immer auf freundliche Gesichter. Die Pflegekräfte strahlen eine Offenheit, Herzlichkeit und eine Wärme aus, die ich im Leben da draußen unter all den Gesunden nur selten finden kann.

Ganz ordentlich

Und auch mein Vater scheint sich wirklich wohl zu fühlen. Neulich hab ich ihn gefragt, wie es ihm hier gefällt. Und seine Antwort kam sofort, klar und deutlich: „Ganz ordentlich.“ Ich musste zunächst ein wenig darüber lachen und auch die Pflegekräfte haben geschmunzelt, als ich ihnen davon erzählt habe. Aber wenn ich so recht darüber nachdenke, ist das schon ganz schön viel Lob für einen Schwaben. Ihr wisst, was ich meine? Für alle Nicht-Schwaben: Im Schwäbischen gibt es ein Sprichwort und das lautet: „Nix gsagt isch gnuag globt (Nix gesagt ist genug gelobt).“ Alles klar 😉?

Auch die Körperpflege scheint ohne große Probleme (also Aggressionen) abzulaufen. Ich bekomme das manchmal mit und bin wirklich erstaunt wie leise und mit welcher Ruhe die Pflegekräfte das dort im Heim erledigen. Gleichzeitig bin ich natürlich sehr erleichtert, dass es so gut läuft. Heute zum Beispiel waren sie mit meinem Vater auf der Toilette. Meine Mutter war dabei. Und als sie wieder zurückkamen, sagte meine Mutter: „Wie ruhig, fürsorglich und gelassen diese Pflegekraft doch ist.“ Ich schaute sie nur vielsagend an und meine „Ja, Ruhe und Gelassenheit ist bei Alzheimer der Schlüssel zum Erfolg.“ „Ich weiß.“ War die Antwort meiner Mutter. Und da sind wir beim springenden Punkt. Diese Ruhe und diese Gelassenheit kann meine Mutter zuhause nicht leisten. Die Krankheit belastet sie so sehr, dass sie dabei nicht ruhig bleiben kann. Und das ist – einfach und kurz zusammengefasst – ein Punkt, wenn nicht gar der Punkt, warum der Weg ins Seniorenheim der einzig richtige für uns war und ist. Jeder muss seine Grenzen erkennen und das ist gut so – auch wenn es manchmal sehr scherfällt, sie zu akzeptieren.

Ruhe und Gelassenheit

Ich hätte im Umkehrschluss ja auch sagen können: Okay, ich kann ruhig und gelassen bleiben, also übernehme ich die Pflege meines Vater. Doch auch ich stoße an meine Grenzen. Meine Grenzen geben mir mein Beruf vor, mein(e) Hund(e) und mein Stresslevel vor. Hä?, frag ihr euch jetzt bestimmt. Ja, es ist tatsächlich so. Seit mein Vater im Seniorenheim ist, habe ich einen Stresslevel von durchschnittlich 20 (sagt zumindest meine Sportuhr App). Solange mein Vater zuhause war, lag er bei 40 und höher – fast jeden Tag und ständig ermahnte mich meine Uhr, mir mehr Erholungsmomente zu ermöglichen. Und auch meine Herta war in den letzten Monaten ein nervliches Frack, genauso wie ich. Sie war sozusagen mein Spiegelbild und mir tat es unendlich leid sie so im Stress zu sehen. Und mein Job. Ja, den kann ich als Selbständige nicht mal einfach so für ein paar Jahre an den Nagel hängen. Auch das alles muss man sehen und schlussendlich erkennen, dass für uns alle dieser Schritt der Beste war.

Für alle? Ja auch für meinen Vater, denn ihm geht es dort im Pflegeheim viel, viel besser. Es wird sich um ihn professionell gekümmert. Es sind Menschen um ihn herum, die nicht diesen emotionalen Familien-Ballast mit sich herumschleppen. Er wird beschäftigt und bekommt Krankengymnastik. Die Hausärztin war schon da und auch der Neurologe kommt regelmäßig. Montags wird gemeinsam gesungen. Was an den anderen Tagen los ist, muss ich noch herausfinden. Aber eines nach dem anderen. Wir haben ihm Bilder von uns in sein Zimmer gehängt. In seinem Garten hat er jetzt Gartenmöbel. So können wir bei schönem Wetter und nicht allzu heißen Temperaturen draußen sitzen, Kaffee trinken oder einfach nur beisammen sein.

Dämmerzustand adieu

Jetzt müssen wir nur noch die Gabe von Lorazepam reduzieren. Die erste Dosisreduzierung haben wir bereits erledigt, aber ich möchte noch mehr, denn das ist das Einzige was mir an der aktuellen Situation nicht gefällt. Das Lorazepam streckt meinen Vater derart nieder, dass er an manchen Tagen kaum die Augen aufhalten kann. Nein, eigentlich bekommt er sie stundeweise gar nicht geöffnet. Er ist in einem unsäglichen Dämmerzustand, sitzt mit geschlossenen Augen da und greift ins Leere. Ein Anblick, den ich kaum ertrage und ein Zustand, den ich so schnell wie möglich beenden möchte. Ja, er ist krank und ja, viele Dinge versteht er nicht mehr. Aber so ein Zustand. Das darf nicht sein. Doch wir sind auf einem guten Weg und die Pfleger und Ärzte unterstützen uns und ihn dabei nach Kräften. Es gibt also nicht zu meckern.

Hilfe – keine Wäsche mehr

Eigentlich … doch meine Mutter findet immer etwas. Die ersten Tage wurde die Wäsche meines Vaters nicht gewaschen. Naja, es sind fast 14 Tage verstrichen und da ging ihm die Kleidung tatsächlich allmählich aus. Wer hat Hemd und Hose für diese Zeit. Mein Vater offensichtlich nicht. Hat sich sein Kleiderschrank doch in den letzten Jahren ziemlich verändert. Hinzukommt, dass er sich fast jeden Tag irgendwie einsaut. Das Essen landet mindestens einmal am Tag auf Hemd oder Hose. Das ist schon ein Verschleiß. Meine Mutter war sich natürlich nicht bewusst, dass so eine Heimwäsche andere Wege durchläuft als die Wäsche zuhause. Sie wurde natürlich ungeduldig und war schon am Meckern. Zum Glück kam die Wäsche dann ein zwei Tage später frisch gewaschen zurück aus der Wäscherei und die Welt war wieder in Ordnung. Ich kann darüber nur lachen, denn es gibt wahrlich wichtiger Dinge. Aber da kommen wir zwei wohl nie auf einen Nenner 😊.

Insgesamt kann ich sagen, wir haben es geschafft, einen Zustand herzustellen, der für alle „gut“ erscheint. Für meinen Vater kann ich nicht sprechen. Da kann ich nur auf mein Bauchgefühl hören und genau hinsehen. Und was ich sehe ist ein schwer kranker, aber zufriedenen Mensch. Heute habe ich ihm (s)eine Playlist mitgebracht. Lauter Hits aus den 60ern, von denen ich weiß, dass er sie früher immer trällerte. Ich hatte einen kleinen Bluetooth-Lausprecher dabei und die Musik abgebspielt. Mein Vater hatte den ganzen Nachmittag den Lautsprecher in den Händen und war zugänglich und ansprechbar wie schon lange nicht mehr … aber das erzähle ich ein anderes Mal noch im Detail.

Besondere Momente

Für heute möchte ich mit einem Bild schließen, dass sich heute ganz tief in meine Herz gegraben hat. Meine Hündin Herta. Sie geht fast immer mit zu meinem Vater. Alle lieben sie – egal ob Pflegekräfte oder Senioren. Viele Bewohner kennen sogar schon ihren Namen. Natürlich bellt sie auch mal, meistens wenn wir dort ankommen. Ich sag dann immer. „Hallo, wir sind’s wieder. Jetzt seid ihr alle wach, oder?“ Aber dann zeigt sie sich schnell von ihrer sanften Seite. Geht langsam auf die Bewohner zu, schnüffelt und wenn jemand nach ihr greift, lässt sie sich gerne streicheln, auch wenn die meisten sehr unbeholfen damit sind. Das ist Herta egal. Und wenn wir dann bei meinem Vater sind, sucht sie häufig gerade seine Nähe. Heute ganz besonders. Sie lag fast die ganze Zeit an oder sogar auf den Füßen meines Vaters und er hat es genossen. Ja, das sind sie, diese besonderen, diese wertvollen Momente, die ich genieße und mitnehme und die mir diese traurige Situation ein klein wenig erträglicher machen…

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