66. Corona im Seniorenheim

Was war oder bzw. ist das nur für ein Jahr. Eigentlich ist es viel zu früh für einen Jahresrückblick, doch was bis hierhin rund um Corona passiert ist, reicht mir bereits. Und damit bin ich vermutlich nicht allein.

Waren wir gerade noch dabei, uns von dem langen und wiederholten Krankenhausaufenthalt meines Vaters zu erholen. Die PEG war gesetzt und wir waren noch damit beschäftigt unsere Entscheidung dafür zu verdauen. Jeder auf seine Art.  Meine Mutter musste unbedingt sehen, wie diese Magensonde am Bauch ihres Mannes aussieht. Ich sträubte mich dagegen und wollte ihn einfach nur in Ruhe lassen. Ich will nicht, dass man Papas PEG anschaut, wie schön oder eben nicht so schön lackierte Fingernägel. Jeder muss irgendwie auf seine Weise damit umgehen und es mit sich und der Welt ausmachen. Für mich ist ausschließlich wichtig, wie es Papa damit geht und was ich da sehe, gefällt mir gut. Es isst und trinkt mit Appetit und Genuss, er sitzt wieder in seinem Rollstuhl, ist guter Stimmung und freut sich, wenn er uns sieht.

Schotten dicht

Doch dann – WUMMS – die Hiobsbotschaft: Corona-Ausbruch im Heim. What the Fuck ??? auch das noch. Da waren wir gerade auf so einem guten Weg. Papa fand zurück ins Leben und wir alle hatten eine unbändig Freude daran. Und jetzt diese Nachricht. Natürlich gefolgt von absolutem Besuchsstopp und der verzweifelten Angst, dass sich auch Papa mit Corona angesteckt haben könnte.

Viele Telefonate mit dem Heim. Eine wirklich strukturierte Pflegedienstleiterin, eine echte Macherin, die die Dinge in die Hand nimmt und dabei mit einem freundlichen und aufmunterndem Gemüt ausgestattet ist, kümmert sich gemeinsam mit der Heimleitung und den Pflegekräften darum, dass inmitten dieses Infektions-Durcheinanders alles läuft. Während auf der anderen Seite ein überbelastetes Gesundheitsamt erst mal keine wirkliche Hilfestellung leistet.

Die von der Regierung versprochenen Antigen-Schnelltest für das Heim waren noch nicht geliefert. PCR-Test waren ebenfalls nicht möglich, da die Labore aktuell ziemlich überbelastet sind. Was also tun? Aus einer Apotheke vor Ort konnten dann doch noch Antigen-Schnelltest organisiert werden und so wurden mal die ersten Bewohner auf Corona getestet. 5 Bewohner und 4 Pflegkräfte infiziert. Eineinhalb Wochen lang wurde getestet. Das volle Sicherheits- und Hygiene-Programm hochgefahren und die Bewohner kamen auf ihre Zimmer in Quarantäne. Mit Erfolg. Heute, 12 Tage später, ist das Heim coronafrei und wir dürfen meinen Vater wieder besuchen.

Sorge und Vertrauen

Seltsamerweise war ich die ganze Zeit über zwar in Sorge, aber insgesamt sehr zuversichtlich und eher ruhig als beunruhigt. Bei allem, was in einem Heim schieflaufen kann – und beileibe in den vergangenen Wochen in bei der Versorgung meines Vaters so manches schiefgelaufen – bin ich dennoch voller Vertrauen. Und das ist so wichtig, denn ohne dieses Vertrauen würde man als Angehöriger schlichtweg durchdrehen.

Vielleicht härtet man bei all dem Chaos, das die Krankheit Alzheimer bereits über Jahre mit sich bringt, irgendwie ab, wird vielleicht gelassener oder man mag es auch resilienter nennen. Ich weiß es nicht. Was ich aber weiß, ist, dass ich mich immer mit möglichst allem, was da kommen mag, bereits vorab auseinandersetze. Und wenn ich oder wir dann mal wieder mitten in einer Situationen stecken, versuche ich strukturiert alles abzurufen, was ich vorab durchdacht habe. Das kann bei all den Emotionen, die einen tagein tagaus begleiten und im Chaos dann noch viel schlimmer, tiefer und überwältigender werden, sehr hilfreich sein. Vielleicht liegt es aber auch ein kleines bisschen daran, dass ich bereits seit Jahren so sehr gefordert bin mit all der Organisation, den Emotionen und Ängsten, dass ich manchmal viel zu erschöpft bin, um mich über die Maßen zu sorgen.

Ich weiß nicht an was es liegt, aber es ist im Grunde auch egal. Wichtig ist nur, dass wir diese Situation überstanden haben, dass wir wieder einmal mit einem blauen Auge davongekommen sind, dass mein Paps noch bei uns ist und dass wir noch etwas Zeit miteinander geschenkt bekommen haben. Ein wertvolles Geschenk für mich.

Annehmen und dankbar sein…

Da war 2020 geprägt von Corona hinzu kam Nierenversagen, Anämie, Bluttransfusion, Dekubitus-OP und PEG – eigentlich genug für ein Jahr. Doch es ist noch nicht vorüber. Fürs Erste bin ich allerdings einfach nur froh und glücklich über die Situation, wie sie jetzt ist. Nach all dem Durcheinander der vergangenen Monate. Natürlich bin ich mir auch bewusst, dass vieles noch kommen wird, viel Trauriges, aber auch Schönes. Nehmen wir es, wie es ist und machen wir wie immer das Beste daraus.

Stark bleiben und zwischendurch auch mal schwach und traurig sein. Das ist das Leben – mit und auch ohne Alzheimer. Mit dieser Krankheit wird man sich der Zerbrechlichkeit des Lebens vielleicht bewusster als ohne – aber am Ende macht es dennoch keinen Unterschied. Take care of yourself, verbringe Zeit mit deinen Lieben und schätze was du hast! Liebe das Leben – genauso wie es ist!

Bild von Christo Anestev auf Pixabay

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